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noch 1944 erzielte große Kampferfolge einzugehen. (Radonić 2016b, 192) Das
NS-Materialdienthiernichtetwadazu,auszustellen,wiedas ‚DritteReich‘so-
wjetischeVerbrechen instrumentalisierte, umdie lokale Bevölkerung zu beein-
flussen und umAntisemitismus zu schüren, sondern als Fakten. (Mark 2008,
335)VielmehrverleihtdieDokumentationdenNS-AufnahmengrößeresGewicht,
indemsiemitBerichtenvonZeitzeugenkombiniertwerden,diedieseNS-Belege
für sowjetische Verbrechen noch als „Schüler“ vorgeführt bekommen hatten
und ihrenWahrheitsgehalt bekräftigen. (Radonić 2017, 280) ImGegensatz zur
NS-Propaganda wird dann im dritten Video-Teil über die zweite sowjetische
BesatzungwiederaufdenPropagandacharakter sowjetischer„Lügen“explizit
hingewiesen: „Propaganda blamed the Germans for the destruction of cities
thathadactuallybeencarriedoutby theSovietarmedforces.“
Diebereits ausdem litauischenMuseumbekannten ‚Waldbrüder‘, dienach
demZweitenWeltkrieggegendiesowjetischeBesatzungkämpften,werdenauch
in diesem estnischen Museummit Ausstellungsobjekten und im Video ein-
drucksvoll dargestellt. Jüdinnen und Juden hingegen werden am Ende des
zweiten, 27-minütigenDokumentarfilms über „TheWar and theGermanYears“
erstmaligerwähnt.NachausführlichenSchilderungendesheldenhaftenKampfes
gegen die Sowjetswird imVideo plötzlich Bilanz über die Opferzahlen der NS-
Besatzung gezogen: „65.000Estonian citizens have been executed by theNazis
including captured Soviet killers. This figure does not include prisoners of war
and the Jewsmurdered at Kalevi-Liiva andKlooga.“Wenndann in einer insge-
samtein-minütigenSequenzdieermordeten Judenthematisiertwerden,wirdbe-
reits imnächstenSatzdieVerfolgung relativiert.Diesgeschiehtnicht durchden
Historiker Tarvel, sondern durch den 1930 geborenen Zeitzeugen Elmar Lahe-
rand,derwiederals„Schüler“ausderdamaligenZeitvorgestelltwird (nachdem
dasEingangstorzumKZKloogaeingeblendetwordenwar):
It’s been described as an extermination camp, but I’d call it a labour camp instead be-
causewhen theworking daywas over the inmates could go to surrounding villages. So
theystarted tocometous, too.Wegave themwhatever food therewas,potatoesorbread
orwhatever elsewehadat themoment. Close relationshipsdevelopedwith anumber of
peoplewhocametoourhouserepeatedly.
ImVideo folgenFotos vonLeichenamBoden einer Baracke. ZumerstenMal in
demVideo fragt nun eine Stimmenach: „But the liquidation of the camp?“ Zu
sehensindAufnahmenvonTotenaufScheiterhaufenausaufeinandergeschlich-
teten Baumstämmen, jenen Leichen also, die nicht rechtzeitig auf diesen Stäm-
menverbranntwerdenkonnten.DaraufderZeitzeuge:
Well, it was a task force. Their arrival tookplace under the cover of secrecy. The guards
whohadbeentherewerecompletely replaced. IcamefromTallinnbytrainatnight. I saw
166 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918