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sowjetischenBronzesoldatendie russischsprachigeBevölkerungsichausPro-
test Straßenschlachtenmit der Polizei lieferte,wurdenauchdie Scheibendes
MuseumsderOkkupationeneingeschlagen– eindeutliches Zeichendafür, dass
sie darin keinesfalls ihre Geschichte repräsentiert sehen. (Burch und Zander
2010,62;69)
Dieses estnische Museum hat keinen Museumsguide, seine ausführlichste
Publikation (ohnevisuellesMaterial), 2004herausgegebenvomlangjährigenDi-
rektor Ahonen (Neuauflage 2014), trägt den Titel Estonia’s occupation revisited.
Accountsofanera. (Ahonen2014)Wieschon imFallder litauischenAusstellung
springt auchhierdasNarrativvom „first yearof occupation“ zum „returnof the
Soviet occupation“ 1944. (Ahonen2014, 4)Die erstenzweiDrittel behandelndie
„destructionof theEstonianstate“und„persecutionof thepeople“unterAuslas-
sungderNS-Besatzung.Diesewirdeinzig imletztenDrittelunterderÜberschrift
„Resistance“diskutiert.MitWiderstand ist aber nicht jener gegendieNS-Besat-
zung gemeint, es geht vielmehr um „Estonian Citizens in the GermanArmed
Forces“ (Ahonen 2014, 2), die „armed andpolitical resistance against the So-
vietUnionduring the SecondWorldWar“ geübt hätten: die Estnische Legion
der Waffen-SS sowie Polizeibataillone aus estnischen Polizisten und Esten,
diebeiSDundSSgedienthaben.
„Angebliche“Verbrechen estnischer Täter während der NS-Besatzungwer-
dennur ineinemSatzerwähnt–undgeleugnet:„Thealleged involvementof the
[36thFrontDefense]Battalion in the liquidationof theNovogrudokghettoand in
the execution of Jews has not been substantiated.“ (Ahonen 2014, 38) Das ist
umsoerstaunlicher,alsalledreiHerausgeberdesBerichtsderestnischenHistori-
kerkommission auch an diesemMuseumsbandmitgeschrieben haben: Toomas
HiiokoordiniertedieseEstonian InternationalCommission for the Investigationof
Crimes against Humanityund ist auchAutor des betreffendenKapitels der 2014
neu aufgelegten Museumspublikation. Die Kommission kam aber bereits 2006
zum eindeutigen Ergebnis: „The 36th Police Battalion participated on 7 August
1942 in thegathering togetherandshootingof almost all the Jews still surviving
inthetownofNowogródek.“ (Hiio,MaripuuundPaavle2006,XXI)
DieMuseumspublikationbenenntdieVerantwortlichen fürdie sowjetischen
Repressionen inEstlandausführlichundnamentlich,wennauchmeistnichtda-
zugesagtwird,obessichumeinheimischeEstInnenoderumausRusslandAnge-
reiste, alsoum ‚unsere‘oder ‚ihre‘TäterInnenhandelt.Meist heißt das, dassdie
scheGeschichtevermittelnwollen. (Nugin2016, 18) 60ProzentderFächer sollenauchan rus-
sischsprachigen Schulen auf Estnisch unterrichtet werden und Geschichte ist eines davon.
(Nugin2016,21) 4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 169
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918