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TäterInnenschaft vonEstInnennichtklarbenanntwird, aberdasgilt auchum-
gekehrt. Sowirdetwa inBezugaufdie imAugust 1941vonderSowjetunionge-
gründeten ‚Zerstörerbataillone‘, die gegen Widerstand gewaltsam vorgingen,
nichtdazugesagt,dasses sichbeimoperativenBefehlshaberMikhailPasternak
umeinen russischen Judenhandelte,wieWeiss-Wendt (2009, 51) in seinerhis-
torischenAnalyseerwähnt. InBezugaufdieZerstörerbatailloneselbstheißt es,
zunächst hättendiese vor allemausParteimitgliedernundSowjets bestanden.
„Later,menwhohadbeenconscripted into theSovietmilitarywerealso forced
toserve in the ranksof thedestroyerbattalions.Adozenormoredestroyerbat-
talions consisting of about 6,000menwere formed. Most of themwere Esto-
nians.“ (HiioundKaasik 2014, 18) Estenwerdenalsodort klar benannt,wo ihr
Handelnmit Zwang erklärtwerden kann.Warum75Prozent der Parteimitglie-
derEstInnenwaren(Maripuu2014,27),bleibthingegenunbeleuchtetundkann
angesichts des dämonisierendenBildes des ‚Feinds‘gar nicht plausibel erklärt
werden.AuchbeidenestnischenJuristen,diedieSowjetbehörden1940einsetz-
ten,wirdeineErklärungfürdieKollaborationversucht:
The younger juristswho took their placeswere graduates of the Faculty of Lawof Tartu
University, andwere individuals that the occupying power regarded as somewhatmore
trustworthy thantheirpredecessors.Thereweremanyjurists inEstonia. Itwaspossible to
studyat theFacultyofLaweven if onewasworkingat thesametime.Thiswasanoppor-
tunity used by many students who were not well off. In leftwing circles, it was not
unusual for someone to have a degree in law, and the occupation forces recruited new
cadre inthesecircles.“ (MaripuuundKaasik2014a, 12)
Das soll wohl nahelegen, dass die neuenRichter etwasweniger gegen die So-
wjetswaren,weil sienebenderArbeit studiertenundarmwaren.
Die Museumspublikation unterschlägt den seit 1933/34 nicht mehr demo-
kratischenCharakterder ‚RepublikEstland‘. ImGegenteilerwecktderAbschnitt
überdie„Liquidationof localgovernment inEstonia“denEindruck,erstdieSo-
wjetshättendieDemokratieabgeschafft:
Soviet public law, however, did not recognize the concept of local governments, and in
theSovietUnion thesewere replacedbyso-called local statebodiesofpower,which,un-
likedemocratic local governments,didnotdecideonhowtodealwith localmatterswith
the participation of the local residents, butwere totally under the control of the central
government. (Paavle2014,5)
AuchbeiderErörterungdesSchicksalsderRichter erwecktderVerweis aufdie
VerfassungunddieunabhängigeGerichtsbarkeit denEindruck einer perfekten
Demokratie. (MaripuuundKaasik2014b,11) ImVideowirddasNarrativdergol-
denenÄramitvolkstümlicherMusikuntermalt:„Thesummerof1939wasbeau-
tiful, peopleworked in the fields.“Bei der EröffnungdesMuseums 2003hatte
170 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918