Page - 174 - in Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen - Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
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nalsozialistischeDeutschland,diedie lettischeNation imLaufeineshalben Jahrhunderts
bis an die Grenze der physischen und geistigen Vernichtung führte. […] Das Baltikum
wird noch immer häufigmit dem Balkan verwechselt ebenso wie Lettlandmit Litauen.
Das ist auchnicht verwunderlich.Verborgen indenGewandfaltengroßer Imperien, sind
die baltischen Völkerschaften –mit Ausnahme der Litauer – bis zum Ende des Ersten
WeltkriegsaufderpolitischenWeltbühnenicht inErscheinunggetreten.
(Nollendorfs2010,6–7)
ImFokusderAusstellungstehtderNachbaueinerGulag-Baracke, inderAngehö-
rige der Opfer Blumenniederlegen– ein Gedenkort inmitten desMuseums. Sie
verdeutliche „die anhaltendste und beschämendste historische Erinnerung des
lettischenVolkes im20. Jahrhundert:Massendeportationen,Arreste,Zwangsaus-
siedlungen,ToddurchHunger,KälteundKrankheiten.“ (MichelundNollendorfs
2005, 121)Darüberhinaus ist dieAusstellungweitestgehendwie einGeschichts-
buch an derWand gestaltet, ergänzt um stark vergrößerte Fotografien darüber
und zwei in der Raummitte stehende Schaukastenreihenmit Objekten der Ver-
folgten. Den schrecklichenOkkupationsjahrenwerden ferner auf der rechten
Wand in Zusammenarbeit mit dem Lettischen Fotografiemuseum ausgesuchte
großformatigeReproduktionenvonFotosüberdas„UnabhängigeLettland1920–
1940“ gegenübergestellt, die Feiertage amLand, Fabriken, Fischer, ein Konzert
in derNationaloper, Landschaftenund das Freiheitsdenkmal aus 1935 zeigen–
„nationales Selbstbewußtseinssymbol indenOkkupationsjahren.“Die gute Zwi-
schenkriegszeit wird – ohne Unterscheidung in Jahre der Demokratie und der
Diktatur–den folgendenOkkupationengegenübergestellt, wir sehen singende,
musizierendeundfeierndeMenschen. ImKatalogwerdenindividualisierendeGe-
schichtenerzählt:
Ergreifend istdieGeschichtevonArtursAparnieks (1896–1968),TeilnehmerderFreiheits-
kämpfe für ein unabhängiges Lettland 1918–1920undTräger des höchstenmilitärischen
Verdienstordens der Republik Lettland. Als Offizier der lettischen Armee wurde er am
20. August 1940, seinem 20. Hochzeitstag, verhaftet. Es folgten Verhöre und Jahre der
Haft. 1953wurdeer ausdemStraflager entlassen, durfte aber erst 1956nachLettland zu-
rückkehren. Es gelangAparnieks, eineAusreisegenehmigung zu erkämpfenund 1966 zu
seiner Tochter indieUSAauszureisen,woer an seinemHochzeitstagnach 26 Jahrender
TrennungseineFrauwiedersah. (Nollendorfs2010,101)
Im Gegensatz zu den anderen beiden baltischen Ausstellungen widmet diese
AusstellungaberallendreiBesatzungenvielAufmerksamkeit–Gundare (2002,
24)beziffertdenAnteil,derderNS-Zeit gewidmetsei,mit 27Prozent.Lazdawie
NollendorfswareseinAnliegen,nebendensowjetischenBesatzungenauchdie
NS-Zeit ausführlich zubehandeln. ImGegensatz zumestnischenBeispiel oben
führtLazdaimenglischenMuseumskatalogaus:
174 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918