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4.3.2.4 DieÜbernahme ‚westlicher‘ÄsthetikunddasHausdesTerrors
inBudapest
DasvierteMuseumdieserGruppe ist das staatlicheHausdesTerrors inBuda-
pest, das Viktor Orbán imFebruar 2002 imWahlkampf eröffnete. Das in den
1880ern errichteteNeo-Renaissance-Gebäude gehörte zunächst einem jüdischen
Bierbrauer, dann seinemErben, demMaler Isaac/Izsák Perlmutter.127 1937mie-
tetesichdie faschistischePfeilkreuzlerInnen-Bewegung128 ineinemTeildesHau-
ses ein. Im Zweiten Weltkrieg wurde es enteignet und auch nach 1989 nicht
restituiert. (Manchin 2015, 238)Das In-situ-GebäudedientedenungarischenNS-
KollaborateurInnen,denPfeilkreuzlerInnen, ab1940alsZentraleundnach ihrer
Machergreifung1944alsFoltergefängnis. 1945wählteesdannGáborPéter ex-
plizit als Hauptquartier seiner sozialistischen Staatssicherheitsbehörde aus (zu-
nächstÁVO, späterÁVH). (Csillag 2002, 20–21;Mihok 2005, 166) Esdiente somit
bis in die 1950er Jahre erneut als Foltergefängnis (Marsovszky 2002; Fritz 2006,
311; Rév 2008, 66), bis nach 1956 der Keller in einenKlubdesKommunistischen
Jugendverbandsumfunktioniertwurde. (Schmidt2005,164)Bis2001erinnertenur
einebescheideneGedenktafelandieGeschichtedesHauses,dessenRäumeinzwi-
schenkommerziellgenutztwurden. (Ungváry2011a,219;Ungváry2011b,301)
Die Trägerorganisation des staatlichenMuseums, die Stiftung für die Er-
forschungder Geschichte undder GesellschaftMittel- undOsteuropaswurde
bald nach demRegierungswechsel 1998 von der Orbán-Regierung sozusagen
als ‚Gegeneinrichtung‘ zu dem renommierten, aber von Fidesz als ‚sozialis-
tisch‘beurteiltenInstitut fürdieGeschichtederungarischenRevolution1956und
derStiftung fürPolitikgeschichtegegründet.“ (Marsovszky2002;Fritz 2008, 136)
Im Jahr 2000 kaufte die StiftungdasGebäude amAndrássy-Boulevard undver-
wandelteesmithohemfinanziellenAufwandineinMuseum. (Pittaway2003,17)
DieStiftungunterhieltdreiEinrichtungen:Das Institutdes20. Jahrhunderts,das
Institut des 21. Jahrhunderts und dasHaus des Terrors. DieMuseumsdirektorin
undHistorikerinMáriaSchmidtwurdenichtnuralsLeiterinderbeidenanderen
Institute der Stiftung eingesetzt, sondern gleichzeitig auch alsMitglied imeige-
nenAufsichtskuratorium,warDozentinanderKatholischenPéter-Pázmány-Uni-
versität und bis zurWahlniederlage derOrbán-Regierung EndeApril 2002 erste
127 Perlmutter verfügte vor seinemTod 1932, dass dieMieteinnahmendemBudapester Jüdi-
schenMuseumzugutekommensollen.
128 Darunterwaren auch einige Frauen, die sich anVerhörenundMorden beteiligten sowie
versteckte JüdinnenundJudenmeldeten,umanihrVermögenzugelangen. (Pető2019)
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 185
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918