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und rief ihreUnterstützerInnendazu auf, nicht andenDemonstrationen teilzu-
nehmen. (Horváth2008,267)
ZurEröffnungszeremonieversammelten sichvordemGebäude 100.000Men-
schenmitKerzenundungarischenNationalfahnen. (Mihok2005, 166)Orbánhielt
dieEröffnungsredevordem in rotesLicht getauchtenGebäude: „Wehave locked
thetwoterrors inthesamebuilding,andtheyaregoodcompanyforeachotheras
neither of themwouldhavebeenable to survive longwithout the support of for-
eignmilitary force. (Zit.n.Rév2008,78)UngvárywidersprichtdieserBehauptung
aberentschieden:
Das ist imFall derRäterepublik [1919] jedochnichtwahr.Und imFall der Sztójay-Regie-
rung [MärzbisOktober 1944]wurdediesallesvomgrößtenTeilderungarischenBeamten
durchgeführt. Auch die Radikalisierung der ungarischen Politik durch judenfeindliche
Gesetzehattebis1942nichtsmitdeutschemDruckzutun, imGegenteil:einTeilderunga-
rischenantisemitischenMaßnahmenwarsogar radikaleralsdiedeutschen.Genausonot-
wendig wäre die Konfrontation der Besucher dieser Ausstellung über die Kollaboration
mit der Kádár-Regierung [1956–1988] gewesen. Am1.Mai 1957 nahmen jamehrereHun-
derttausendeamAufmarschaufdemHeldenplatz teil [zurFeierderNiederschlagungdes
ungarischenVolksaufstands von 1956], und auch einwesentlicher Teil der ungarischen
IntellektuellenhatsichspäterderKollaborationunterworfen. (Ungváry2006,216)
Orbánfuhr inseinerRedefort:
Now,weare putting the pain, the hatred behindbars, becausewewant them tohave no
longeranyplace inour livesand inthe future.Weput thembehindbars,butwewillnever
forget them.Thewall of thehouse that, until now,was theboundarybetween the interior
and thestreet, fromnowwillbecomethewallbetween thepastand the future. […]What is
insidebelongstothepastandweshallbecomepartof thefuture.
(Zit.n.Horváth2008,266)
DieseUnterscheidung zwischenderVergangenheit undder Zukunftwurde ein
zentrales Element des Fidesz-Wahlkampfs,wennganz imSinne dermnemonic
warriors (BernhardundKubik 2014), derFidesz-Erinnerungskriegeralso, gegen
„Kräfte aus der Vergangenheit“, die Sozialisten, mobilisiert wurde. (Radonić
2020, 51)DerLeitspruchdiesesWahlkampfs vonFidesz 2002war folglich: „Die
Zukunft hat begonnen“. (Horváth 2008, 266) (Sie begann dann aber doch erst
mit demWahlsieg 2010 und demdarauffolgenden autoritären, geschichtsrevi-
sionistischen Backlash, worauf unten noch eingegangenwird.) Jedenfalls war
undistdasHausdesTerrorsunzweifelhaftdasFlaggschiffderGeschichtspolitik
vonFidesz.131
131 Es ist fernerdieeinzigeunterdenhieruntersuchtenAusstellungen,dienur inderLandes-
sprache gestaltet wurde – zunächst viele Jahre lang nurmit A4-schwarz-weiß-Kopien engli-
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 187
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918