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ausgewiesener Herkunft. Ein häufig vorgebrachter Kritikpunkt ist somit, dass
dieGrenzenzwischen ‚authentischen‘Objekten,Kopienund Installationen flie-
ßendundunklar sind. (Kovács 2003, 164;Kerékgyártó 2006,302;Rév2008,68;
Horváth2008,270;Apor2014,329)
DieWegewie die Empfindungenwerden in diesemMuseumstark vorgege-
ben.DenHöhepunktdesMuseumsbildetderFolterkeller, indenmanmit einem
sehr langsam sinkendenAufzug–meist eng zusammengepfercht– hinabfährt,
indemeinMann ineinemVideoerzählt,wie ernachHinrichtungenaufGalgen
die SpurenvomBodenaufwaschenmusste. ImKeller angelangt ziehendiedort
aufgestellten Galgen viel Aufmerksamkeit auf sich. Bei genaueremHinsehen
kannmanjedoch lesen,dass indemGebäudekeineHäftlingegehängtwurden
undhierkeineGalgenstanden.DieGeschichtedesReinigungsmanneswiedie
Galgennachbildungen stehenalso für denTerror ‚imAllgemeinen‘, nicht spe-
zifisch für den in diesemHaus. Einweniger prominent positionierter Galgen
isthingegen ‚authentisch‘:„Hierist jenerGalgenzusehen,derzuerst imZuchthaus
vonVác, dann imGefängnis inderKozmaStraße standundderbis 1985benutzt
wurde. In der Andrássy Straße 60 gab es keine offizielle Hinrichtung, ‚nur‘ Tot-
schlagundSelbstmord“, soauchderGuide. (Schmidt2003,56)Beidieser Informa-
tion handelt es sich um eine Ausnahme in der Ausstellung, die sonst kaum
darüber informiert, was Rekonstruktionen sind. ImMittelpunkt des ehemali-
gen Folterkellers stehen darüber hinaus (wie im litauischenMuseumder Ge-
nozidopfer) die verschiedenen rekonstruierten Zellenarten, wie es sie bis in
die1950er Jahrehiergab.
NurdiewenigstenFotos inderAusstellung sindbeschriftet, etwa jene im
Pfeilkreuzler-Korridor und -Raum. Oftmals sollen sie nur Ruinen, Besatzung,
Zwangsarbeit, Repression, Tod oder ähnliches illustrieren, ohne dass wir er-
fahren,was genaudarauf zu sehen ist, wie zumBeispiel imRaum „Doppelte
Besatzung“, im Gulag-Raum, im Raum über Zwangsablieferungen (Foto von
Uniformierten ineinemDorf,dieaufetwaszeigen), imder Internierunggewid-
metenRaumsowie in jenemüber Emigration. ‚Beschriftet‘, nämlichnamentlich
zugeordnet sind hingegendie Fotos der TäterInnen: auf der Übersichtstafelmit
Führungspersonen der politischen Polizei (davon eine Frau), im Raum „(Un-)
Rechtsprechung“ jene von RichterInnen und AnklägerInnen aus Prozessen, in
denen Todesurteile gefällt wurden, sowie die über 200 Porträts in der „Galerie
derTäter“ imKeller.VielederhierGezeigtenlebennoch.
In einigenderKellerzellen finden sich auchPorträts, dieOpfer neben ihren
Kurzbiografien zeigen. Erst aus demKatalog geht jedochhervor, dass dieseOp-
fergruppen inunterschiedliche, nicht-chronologischeKategorienunterteilt sind:
„Opfer der Revolutionunddes Freiheitskampfes von 1956“, „Opfer der kommu-
nistischenDiktatur“,„BekennendeKirche“,„WiderstandgegendiePfeilkreuzer“,
194 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918