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4.3.3.1 Theresienstadt/Terezín
DasmarkanteGegenbeispiel zur ‚AnrufungEuropas‘,wiesie inderSlowakei, in
Kroatien undUngarn betriebenwird, bietet Tschechien bzw. die Gedenkstätte
Theresienstadt. Tschechien verortet seine „goldene Ära“ nationaler Unabhän-
gigkeit in der demokratischen Zwischenkriegszeit, also imGegensatz zu allen
anderen hier untersuchten Ländern weder in einem NS-Satellitenstaat, noch
einemStaat der Zwischenkriegszeit, der sich in den 1930ern zu einer Diktatur
entwickelte. Die Tschechoslowakei blieb als einziger der später sozialistischen
Staaten bis zumMünchner Abkommen und der Annexion des Sudetenlandes
durchNS-Deutschlandam1.Oktober 1938demokratisch, erst dann folgtenMo-
nate autoritärer Herrschaft bis zur deutschen Besatzung der böhmischen Län-
der. (Brenner 2008, 104; Iggers 2004, 777) Diese kurze Zeit der sogenannten
„ZweitenRepublik“warund ist ein kontrovers diskutierter Gegenstand. (Kolář
undKopeček2007,207)Dochdas„ErbederErstenRepublikeignetsichausvie-
lenGründenalsQuellevonLegitimität:SiewareineparlamentarischeDemokratie
undbliebdiesauchnoch,als inallenNachbarstaatenautoritäreodertotalitäreRe-
gimesdieMachtübernommenhatten.“ (Brenner2008,104)
Die Slowakei hätte sich zwar theoretisch auf dieselbe ‚goldeneÄra‘derDe-
mokratieberufenkönnen,dochdieswäreebenkeineÄranationalerUnabhängig-
keitgewesenunderwies sichdaheralsnurbedingtgeeignet fürdie slowakische
NeuschreibungvonGeschichtenach1989.DasProtektoratBöhmenundMähren,
zudemdas ‚DritteReich‘die tschechischenLänderzerschlug,eignetesichumge-
kehrt keinesfalls als ‚goldeneÄra‘, die inden1990ern inTschechiengeschichts-
revisionistisch hätte verklärt werden können. Und auchwenn in Tschechien
Euroskeptizismusbis heuteweit verbreitet ist unddas Landebenfallsmit au-
toritärenTendenzenkämpft, so standendennochdemokratischeGrundfeste nie
invergleichbaremAusmaßinFragewie inKroatienoderderSlowakeider1990er
Jahre,die starkeautoritäreZügeaufwiesen.TschechienmusstealsovordemEU-
BeitrittwedereinenBeweisseinesEuropäischseins,nochseinerDemokratietaug-
lichkeitantreten. (Radonić2021)
Das ist, someine These, der Grunddafür,warum inder ebenfalls staatli-
chenGedenkstätte Theresienstadt keinemit demslowakischenoder kroatischen
Fall irgendwie vergleichbare ‚AnrufungEuropas‘ stattfindet. Eine individualisie-
rendeDarstellungderOpfer lässt sich,wie ich imKapitel überdie sozialistische
Ära gezeigt habe, bereits 1988 nachweisen – undwird auch in der heutigen
Dauerausstellung im Ghetto-Museum aus 2001 wie im aktuellen Führer von
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 203
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918