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jener von 2007weitgehend entspricht, ist in diesemPunkt jedoch eine Syste-
matik auszumachen. Verschwunden sind auch: das Foto von zwei Kindern,
einesdavonmitHelm,wiesieKalenderblätterausderAusstellungentnehmen
(Dąbkowska-Cichocka et al. 2007a, 73); von einem Jungen, der zu einemaus-
gestelltenMaschinengewehrgreift (Dąbkowska-Cichockaetal. 2007a,89); sowie
von Jugendlichen,die imRaumüberdasMassakervonWoladieExhumierungs-
protokollestudieren. (Dąbkowska-Cichockaetal.2007a,100)
NachderAbwahlderPiSwurdenweitere„patriotische“Museumsprojektevon
derRegierungvonDonaldTuskgestopptundmitdemMuseumderGeschichteder
polnischen JudenunddemMuseumderGeschichte des ZweitenWeltkriegs fand
einePluralisierungderMuseumslandschaftstatt.
4.3.4 ‚Missingmuseums‘ inSofiaundBukarest
Während ‚mnemonic warriors‘wie Orbán und die Kaczyński-Zwillinge Museen
zumGedenkenandieFolter imHausdesTerrorsoderdenWarschauerAufstand
schufen,diedenBesucherInnendieGeschichtsdeutungdurcheinaugenfälliges,
stark an Emotionen appellierendes Narrativ ohne Zweideutigkeiten oder Multi-
perspektivität fix vorgebenwollen, lässt sich in bulgarischen und rumänischen
MuseeninBezugaufdenZweitenWeltkriegunddiesozialistischeÄradasFehlen
vonalldemfeststellen:eine„institutionalisierteAmnesie“ (Vukov2012), ein„lag-
gingbehind“ (Kazalarska 2008), das „blackholeparadigm“ (Bădică 2010, 92)
bzw.„themissingmuseum“. (Kazalarska2018)Museen,die indersozialistischen
Ära die Ereignisse im ZweitenWeltkrieg imSinne des dogmatisch-antifaschisti-
schenNarrativs gedeutet hatten,wurdenAnfangder 1990er Jahre entweder zur
Gänzeoderdie jeweiligenZeitgeschichte-AbteilungenzumZweckderÜberarbei-
tunggeschlossen150–undseitdembisheutenichtwiedergeöffnet.151 (Jung2015,
61;Boia2004,558)
DieMuseumslandschaft inSofiaundBukarest ist ähnlich,unddasnichtnur
aufgrundvergleichbarerKontinuitätenderpolitischenElitennach1989, sondern
auchweil beideLänder inBezugaufdenZweitenWeltkriegvorderselbenFrage
stehen: wieman den Seitenwechsel von denAchsenmächten zu den Alliierten
1944 ausstellt. Ein signifikanter historischer Unterschied besteht jedoch darin,
150 Einzig dasMuseumder Geschichte der Kommunistischen Partei in Bukarest wurde 1989
vonDemonstrantenverwüstetunddeshalb imFebruar1990geschlossen. (Jung2015b,53)
151 1999wurde dann imAuftrag der konservativen Regierung der Union der demokratischen
Kräfte (SDS)auchdasberühmteMausoleumdesbulgarischensozialistischenStaatschefsGeorgi
Dimitrovzerstört. 4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 225
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918