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Ausgestellt werden in denMilitärmuseen vor allem Sammlungen vonWaf-
fen,UniformenundOrden, indenHäusernvonCeauşescuundder rumänischen
Königsfamilie ihreBadezimmer,Möbel,EhebettenundKleidungsstückeinklusive
Nachtgewänder.Was inbeidenFällen–vielleichtmitAusnahmedesMilitärmu-
seumsinSofia– fastvollständigfehlt,sindhistorischeundpolitischeEinordnun-
gen der Gegenstände. Geben nationalistische Gedenkmuseen in Budapest und
Warschau also ein starres patriotischesNarrativ vor, fehlt hier politisch-histori-
scherMetatext indenAusstellungenweitgehendunddasNarrativkannzumTeil
nur durch Rückgriff auf Museumsführer herausgearbeitet werden – ohne dass
darumdieseMuseenweniger nationalistischwären. Zwar ist jedeAuswahl von
FotosundObjekten interessengeleitet undsomit auchdieAbwesenheit eines er-
zählendenTexteseinNarrativ,154 aberaufdieseWeisekönnenviele ‚heikle‘Fra-
genausgespartundDeutungenvermiedenwerden
4.3.4.1 BeiCeaușescu,KönigFerdinandundŽivkovzuBesuch
Wohnhäuser prominenter Herrscher können in Rumänienwie in Bulgarien be-
suchtwerden. ImCeaușescu-Haus, demPalatul Primăverii inBukarest,wirdbei
derFührung155 keinWortüberdaspolitischeWirkendes rumänischenDiktators
NicolaeCeaușescu verloren.DasHaus selbst enthält außer der Zuordnung jedes
Raums zum jeweiligenFamilienmitglied keinerlei Informationen in Textform.
Auchdas Faltblatt, das imHaus erworbenwerdenkann, beschreibt ausschließ-
lichbewundernddieunterschiedlichenarchitektonischenStileundMöbel inden
jeweiligenRäumenderCeaușescu-Familienmitglieder.Der einzige ‚politische‘
Hinweis imMuseumsfolder besteht darin, dass in Ceauşescus Büromutmaß-
lich 1968 auchGeneral Pacepa empfangenwurde, als er kam, umCeaușescu
darüber zu informieren, dassdie sowjetischenTruppendieTschechoslowakei
besetzt hätten. Die Informationen bei der Führung beschränken sich darauf,
dass Ceaușescu nur 1,65m groß war, Diabetes hatte, weshalb er viel Schlaf
brauchte,nureinegeringeSchulbildungbesaßunddasskeiner inderFamilie
aufdemgroßenFlügel spielenkonnte.ErstaufNachfrageeinesBesuchers, ob
es denn in demHaus auch irgendwelchemit demBereich Sicherheit zusam-
menhängenden Räume gäbe, wird deutlich, dass dasHaus im Zuge des Um-
hatnurerratischeÖffnungszeitenundwar2019währendmeinesAufenthaltszuRenovierungs-
zweckengeschlossen.
154 Younghatbereits 1993daraufhingewiesen,dass„eventhosemuseumswhere theartefact
is treatedasholyobjectnecessarilydisplaycollections inwaysthatsuggestmeaningandcohe-
rence.“ (Young1993,viii–ix)
155 VonderAutorinam4.April 2019aufgezeichnet.
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 227
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918