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Neben demHeldentum rumänischer SoldatenwurdenAktemenschlicher Solidarität he-
rausgestellt. (Boia2004,548)
DiesewertungsfreieDarstellungderRolledeseigenenLandes ist typisch fürdie
Museensowohl inBukarestwieauch inSofia.DieSprachregelung,diedenSei-
tenwechsel 1944vondenAchsenmächtenzudenAlliiertenmöglichstunauffäl-
ligvermittelt, lässt sichals ‚zuerstOstfront,dannWestfront‘zusammenfassen.
Das Nationale Geschichtemuseum in Sofia thematisiert im Gegensatz zum
BukaresterPendantaufderriesigenAusstellungsflächenichtnurAntikeundMit-
telalter, sondern in einem kleinen Raum auch die Zeit seit der „Wiederherstel-
lung“bulgarischerStaatlichkeit von1878bisheute.Esbefindet sich seit 2000 in
der ehemaligen Präsidentenresidenz von Todor Živkov weit außerhalb des
Zentrums. (Vukov2011, 141)DieGeschichtedesHausesalsŽivkovsResidenz,
dienochüberall inFormvonKristallleuchtern,Marmorbödenundgeschnitz-
tenHolzdeckenpräsent ist, zwischendenennunantike Tontöpfe ausgestellt
sind, fehlt jedochvöllig. (Kazalarska2008)
Im Raum über die Zeit zwischen 1878 und 1947 folgt die Anordnung der
Schaukästen, wie die Reihenfolge der Beschreibungen imMuseumsguide, der
traditionellenUnterscheidung: erstPolitik- undMilitärgeschichte, dannzurück
zudenAnfängender „Entwicklung vonBildungundKultur“. (Nationalhistori-
schesMuseum 2004, 68) ImGegensatz zu den zahlreichen Texttafeln etwa im
Raumüber die Zeit imOsmanischenReich tragendie Schaukästen imTeil über
die neueste Geschichte in der Regel nicht einmalÜberschriften oder Jahreszah-
len. ImTeilüberdas20. Jahrhundertgibt esnureinen längerenText: jenenüber
dieGeburt der Prinzessin 1933unddesKronprinzen 1937.Diese inkeinerWeise
heikleGeschichtewird in aller Ausführlichkeit erörtert, Fragen vonSeitenwech-
selundKollaborationbleibenjedochohneMetatext.
DemZweitenWeltkrieg sind drei Schaukästen gewidmet (Abb. 43), imMu-
seumsguide eineinhalb von 72 Seiten (Nationalhistorisches Museum 2004, 67–
68).DerersteSchaukastenbehandeltdieZeit 1941bis 1944,dochdieMitwirkung
amKrieg ander SeitederAchsenmächtewirdnicht kommentiert.Wirdder Text
wie hier auf Bildunterschriften reduziert, brauchtmannicht zu entscheiden, ob
dieTatsache,dassdiebulgarischeArmee1941 inMazedonieneinmarschierte,als
‚Besatzung‘, ‚Verwaltung‘oder ‚Heimführung‘desGebiets zubezeichnen ist. Im
Museumsführer, in demText nur schwerlich vermiedenwerden kann, heißt es
über die BeteiligungBulgariens ander SeiteDeutschlands, Italiens und Japans:
„Hauptziel istwiederdienationaleVereinigung.“DieGebiete inMazedonienund
Thrakienwerdenhierals„vondenBulgarenadministriert“,abernichtalsbesetzt
bezeichnet. Die Kritik gilt hier der Tatsache, dass Großbulgarien nicht realisiert
wurde, sondern „bloß Propaganda blieb“. (NationalhistorischesMuseum 2004,
230 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918