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andVardarMacedoniaweredeported to campsofDeath, only 12 of themsurvi-
ved.“ Letzterer Satz ist der einzige Hinweis darauf, dass es einenHolocaust in
denvonBulgarien ‚verwalteten‘ ‚neuen‘Gebietenüberhauptgegebenhat.
ImGuide ist ‚den Juden‘ einAbsatz gewidmet, in demals Retter besonders
derdamalige stellvertretendeParlamentspräsidentDimitarPeschewunddieMe-
tropolitenKirilundStefanhervorgehobenwerden,die„dankderFürsprachevon
KönigBoris III.“die Judenretteten.„DieseHandlungdesbulgarischenVolkes ist
eine echte Heldentat, die vomWeltjudentum gebührend eingeschätzt wurde.“
(NationalhistorischesMuseum2004, 67)Allerdings folgt eineEinschränkung:
„Bulgarien gelingt es aber nicht, die Juden aus den ‚neuen Gebieten‘ zu ret-
ten“, heißt es in der deutschsprachigen Version aus 2004. Die ansonsten in
diesemAbschnitt wortgleiche neuere englische Version ist hier doppeldeuti-
ger: „Unfortunately, Bulgaria failed todo the same for the Jews from thenew
territories.“ (National History Museum 2016, 87) Dies kann sowohl im Sinne
von ‚scheitern‘als auchvon ‚esunterlassen‘gelesenwerden.Kritischebulga-
rischeWissenschaftlerInnenweisen auf die 1940 inBulgarien verabschiedete
antisemitischeGesetzgebungunddie rechtskonservativeVerklärungderRolle
des Königs, dessenRolle bei der ‚Judenrettung‘wissenschaftlich nicht belegt
sei, hin. (Koleva2017, 28)AusstellungundGedenkensindhieralsonichtdem
Holocaust, sondernvorallemderRettunggewidmet.
Der dritte Schaukasten behandelt die Zeit nach demSeitenwechsel Bulga-
riens1944.UntereinemFotoderneuenRegierungheißtes:„Theoppositionfor-
ces took the power on the eve of September 9th 1944 taking advantage of the
presenceofRussiantroopsonthe territoryofBulgaria.Thearmy, ledbyofficers
that changed sides by joining the FatherlandFront, played leading role in the
coup d’état.“DieOrden aus der alliierten Phase 1944–1945 lösen jenemit Ha-
kenkreuzen ab. Fotos zeigen die BulgarischeArmee, die vonOktober 1944 bis
Mai 1945amKrieggegenHitlersDeutschlandteilgenommenhabe,wobei33.841
Soldaten und Offiziere getötet worden seien. Geschichtsvermittlung wird hier
aufdasMinimumanhistorischunumstößlichenFaktenreduziert.
DieNachkriegszeitwirdnur bis 1947 in einemSchaukasten inderAusstel-
lungundindreiAbsätzender72Seiten imGuide(NationalhistorischesMuseum
2004, 68) thematisiert. Bereits außerhalb des Raums, imAusgang, finden sich
nocheinigeExponatezuBulgariennachderWende,demNATO-undEU-Beitritt
desLandes.Zwischen1947und1989klafft eineLücke.WährendalsodasNatio-
nale Geschichtemuseum in Bukarest im Mittelalter aufhört, fehlt im Sofioter
Pendant ‚nur‘dasNarrativzurZeitgeschichte.
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Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918