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Die Geschichtsschreibung war bereits ab Mitte der 1960er in beiden Ländern
starknationalistischgeprägt. (Koleva2017, 12;Vukov2012, 142;Boia2004, 542)
InBezugaufhistorischeMuseenhattediesnach1989zurFolge,dassdieoffen-
sichtlichpropagandistischenTeile,wiediedemPersonenkultumCeauşescuge-
widmeten, und viele zeitgeschichtliche Abteilungen geschlossen wurden, aber
dienationaleAusrichtungansonstenungebrochenübernommenwurde.DieMu-
seensindbemüht,dieTeileüberdieGeschichtevordem20. Jahrhundertmitnur
oberflächlichen ‚Säuberungen‘ rasch und imWesentlichen unverändert wieder-
zueröffnen. Zuvor tabuisierte Themenwie die Zeit an der ‚Ostfront‘ – sprich an
der Seite derAchsenmächte–bis 1944werdennunbehandelt, bleiben aber im
SinnederAmbivalenzdeutungsoffen. (Jung2016,84)So führtVukov fürdasNa-
tionaleGeschichtemuseuminSofiaaus:
Thenationalandstate-framedreadingofhistorywascomplemented […] byasharpdisre-
gard toamodificationof representationpoliciesafter theendofcommunist rule.Theglo-
rificationof thenation, the interpretativehaloaroundthepeaks innationalhistoryat the
expense of dramatic lamentation onnational failures and tragicmoments, not only cha-
racterizes the profile of thismuseum, but also is indicative of the overall conceptualiza-
tionofnationalhistoryafter1989. (Vukov2011, 142)
DiePartei Front zurnationalenRettungund ihrVorsitzender Ion Iliescu,Präsi-
dent Rumäniens von 1990–1996 und von 2000–2004, standen auf demStand-
punkt der ‚StundeNull‘ –mit der ‚Revolution‘ von 1989 sei derKommunismus
erledigt. (Jung2016,424)
Aufarbeitung der Vergangenheit fand vor allem anlässlich außenpoliti-
scherWegmarkenstatt: 2003wurde imZugederNATO-Beitrittsverhandlungen
die Internationale Kommission zur Erforschung desHolocaust in Rumänien ins
Lebengerufen,diePräsidialeKommissionzurAnalysederkommunistischenDik-
tatur inRumänien(Jung2016,14–15)sowiedie„CommissionforDisclosureof the
DocumentsandforAnnouncementofAffiliationofBulgarianCitizenstotheState
Security“ (Koleva2017, 19) imZugederEU-Beitrittsbemühungen.Diedarausher-
vorgegangenenMaßnahmenbeurteilt Jungals„überhastetundschlechtvorberei-
tet“ (Jung2016,359),wasbeiderlei symbolischer ‚AnrufungEuropas‘oftmalsder
Fall ist. Bulgarien trat als bisher letzter der 32 Staaten der IHRA erst 2018 bei.
Eine individualisierte Darstellung von Personen jenseits der Heldengeschichts-
schreibung fehlt in denmeistenMuseen in Sofia und Bukarest zur Gänze, mit
Ausnahmeder improvisiertenHolocaust-Ausstellung in der Bukarester Syna-
goge und imAnsatz angedeutet bei denObjektbeschreibungen imMilitärmu-
seuminSofia.
WennfernerwieimbulgarischenFallZeitgeschichteauchnicht inderSchule
unterrichtetwird, da alles ab 1940 auf zwei Einheiten amEndedes Schuljahres
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 239
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918