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reduziertwird, die außer bei besonders daran interessiertenLehrerInnennie an
die Reihe kommen (Koleva 2017, 20), so erstaunt das Fehlen dieser Zeit in den
Museenauchweniger.Verschiedene Initiativenwie jenedesbulgarischenPräsi-
dentenRosenPlevneliev, einMuseumder bulgarischenGeschichte im 20. Jahr-
hundert imehemaligenzentralenMineralbadimZentrumvonSofiaeinzurichten,
oder die des Leiters desNationalarchivs, in ‚seinem‘Gebäude, das die Staatssi-
cherheit beherbergte, ein Museum des Totalitarismus zu eröffnen, scheiterten.
Die Initiatorenwarennicht langegenug imAmt,umdiesePläneumzusetzen,wie
Daniela Kolevamir berichtete, die in den in beiden Fällen bereits eingerichteten
ExpertInnengremien saß.DieAtmosphäre vonVermeidung, eines „quasi-reconci-
liationism […] does not invite competing versions and an open and constructive
working out of a narrative of the past.“ (Koleva 2017, 21) Initiativenwie die 2005
gegründeteNGO„Institute forStudiesof theRecentPast“ (https://minaloto.bg) in
Sofia sind selten. Sie versammeln seriöse, international vernetzteWissenschaftle-
rInnen, die zwar offene Fragen kritisch ansprechen, aber letztlich kaumEinfluss
auföffentlicheDebattennehmenkönnen.
InBukarestbeschlossdieRegierung2016dieEinrichtungeines„Nationalmuse-
ums fürdieGeschichteder rumänischen JudenunddesHolocaust“, diedem„Elie
Wiesel National Institute for the Study of the Holocaust in Romania“ übertragen
wurde,welchesausderHolocaust-Kommissionhervorgegangenwar. (Wiesel Insti-
tute 2018)Wird dieses Projekt realisiert, so steht es als erstes staatlichesMuseum
vorderAufgabe, eineAusstellung zugestalten, inder die rumänischeVerantwor-
tung fürdenHolocaust thematisiertwird.DiegrößteHerausforderungwirdhierbei
sicherlichdieCharakterisierungdesMilitärs,das fürdenHolocaustmitverantwort-
lichwar. (InternationalCommissionon theHolocaust inRomania2014)DieArmee
genießt in Rumänien ein ungebrochen hohes Ansehen, und das, obwohl sie den
letztensozialistischenVerteidigungsministerVasileMileastellte,deram21.Dezem-
ber1989nacheinigemZögernindieDemonstrantInnenmengeschießenließ.
Michael Shafir diagnostiziert für Rumänien eine Externalisierung vonVer-
antwortung: „the implicit or explicit attempt to exonerate theRomanianpoliti-
cal community embodied by the state, or segments of that community, from
either guilt or responsibility for having participated inWorldWar II as aNazi
ally and from having perpetrated genocidal crimes against the Jews and the
Roma.“ (Shafir 2017, 59) Der Teil über denGenozid verweist auf eine Spezifik,
dieRumänienundKroatiengemeinsamhabenunddiesichdeutlichvombulga-
rischen Fall unterscheidet: Die beiden Kollaborationsregime unterhielten als
einzigenebendemNS-Regime selbst Todeslager.DieseGeschichte imMuseum
auszulassen ist also etwas anderes als die Deportationen nach Auschwitz im
bulgarischen Fall nicht zu behandeln. ImGegensatz zu Kroatien, wo sich das
größte Todeslager nur 100Kilometer vonderHauptstadt entfernt befand, liegt
240 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918