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das damalige rumänische Gouvernement Transnistrien aber heute teils in der
Ukraine, teils in dem De-Facto-Regime Transnistrien / Pridnestrowische Mol-
dauische Republik. Es fällt also nicht in den rumänischen Zuständigkeitsbe-
reich,könntemanargumentieren.
Wie der bulgarische Schriftsteller Georgi Gospodinov in Bezug auf einMu-
seumdesSozialismuseinmalsagte:„the lackofsuchamuseumisourmuseum“.
(Zit.n.Kazalarska2018)WährenddieunkritischeDarstellungdereigenenNation
im ungarischen Haus des Terrors beispielsweise durch explizites Umschreiben
vonGeschichte geleistetwird, geschieht dies indenMuseen inSofia undBuka-
rest vor allemdurchAuslassung. Dermit demMuseumdesWarschauer Auf-
stands aufgekommene, in der polnischen Debatte durchgesetzte Begriff des
‚narrativenMuseums‘entfaltet erst durchdenVergleichmitdenbulgarischen
und rumänischenMuseen seine volle Bedeutung. Betrachtetman,wie inBuka-
rest und Sofia Zeitgeschichte, wenn überhaupt, dann als traditionelle, weitge-
hend scheinbarnarrativlose SammlungvonObjektenundFotos, die inVitrinen
ausgestellt werden,159 erklärt dies, warum auch KritikerInnen desWarschauer
Museums die Neuheit dieses Ausstellungskonzepts wohlwollend anerkannten,
auchwennsie dienationalistischeHeldenInnen-undkollektiveOpfererzählung
bemängelten.DieBeleuchtungdieserbeidenExtremesoll jedochkeinesfallssug-
gerieren, dass esdazwischenkeine großeBandbreite anAusstellungskonzepten
gibt–ganzimGegenteil.
4.4 Seit2010:NeuesteEntwicklungeninpostsozialistischen
Museen
‚Dauer‘ausstellungenhabenderzeit imSchnitteineLebenszeitvonzehnbis fünf-
zehn Jahren, daher hat sich erwartbarerweise indenmeistenderhier analysier-
ten Museen in den 2010er Jahren auch einiges verändert. Dieses letzte Kapitel
konzentriert sichaufdiegegenläufigenTendenzen indenbaltischenLändern im
UnterschiedzuPolenundUngarnimletztenJahrzehnt.
Ichwerde zeigen, dass dieMuseen indendrei baltischenLändern, die zuvor
eindeutige Beispiele für den Fokus auf die sowjetischenVerbrechenunddie Ein-
159 Aporführt inBezugaufdasHausdesTerrorsaus:„Contrarytonationalmuseums’historical
exhibition that typicallyare reluctant toaddress controversial issuesof thepast, thesenewmu-
seumsarenotafraidof formulatingstrongand, inmanycases,provoking ideason the interpre-
tationofnationalhistory andnational identity.Arguably, the situationofhistorical exhibitions
in traditional national museums reflects an uncertainty or the incapacity of representing the
traumaticrecentpast.“ (Apor2012b,570)
4.4 Seit2010:NeuesteEntwicklungeninpostsozialistischenMuseen 241
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918