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dämmungderNS-Erinnerungwaren, nun zeitverzögert auf die ‚Universalisierung
desHolocaust‘ reagieren und zumTeil die These vom ‚doppeltenGenozid‘ etwas
zurücknehmen.DieAnerkennungdes„Okkupationsfakts“, derTatsachealso,dass
diebaltischenLänder1944vonderSowjetunionnichtbefreit, sondernbesetztwur-
den, erweist sich–vonRusslandabgesehen–alsweitestgehenddurchgesetzt. Im
Gegensatz zur ‚verbalenAbrüstung‘etwa inVilniussteuert inUngarnseit 2010die
Fideszund inPolenseit 2015diePiSdieGeschichtsdeutungenzunehmendstaatli-
cherseits. ImZugedesautoritärenBacklashsundderBeschneidungdemokratischer
checks and balances koppeln sie einen nationalistischenGeschichtsrevisionismus
mit autoritärenMitteln derDurchsetzungdesselben.Auf denEU-Beitritt folgt hier
mit einiger Verzögerung ein anti-europäischer Diskurs, der in Ungarn auch mit
einerHinwendungzuRusslandeinhergeht. (Rév2018,608)
4.4.1 Die ‚UniversalisierungdesHolocaust‘hält imBaltikumEinzug
DasMuseumderGenozidopfer inVilniuswurdeobenals radikalstesBeispiel für
‚containingnazism‘vorgestellt,weil esdieZeit alsGestapo-Gefängnis inderMu-
sealisierungdesOrtesübersprang.Dies trugihmnichtnurunter litauischenAkti-
vistInnen (Katz 2009, 265), sondernauch inderwissenschaftlichenLiteraturviel
Kritik ein. (Mark 2008, 341; 2010a, 103–106; Kuusi 2008, 108; Bartuschka 2005,
202;Apor 2012a, 245; Rohdewald 2008, 178; Frankovic et al. 2010, 62; Rindzevi-
čiūtė 2013, 89; Knudsen 2011, 70) 2010wurde der Ausstellung im ersten Raum
über die sowjetische Besatzung zunächst ein Dokumentarfilm über „Nazi Ger-
manystructures of repression,whichworkedonGediminas 36,Vilnius [Adresse
desMuseums], 1941–1944“hinzugefügt, der denMassenmord an Jüdinnenund
Juden in Paneriai behandelt. (Rindzevičiūtė 2013, 89) 2010wandten sich ferner
siebenBotschafterInnenvonEU-Ländernmit einemBrief anden litauischen In-
nenminister, indemsiedieGleichsetzungder sowjetischenVerbrechenmitdem
Holocaust in Litauen kritisierten. (Baltic News Service 2010) Ende des Jahres
wurdendanndieSpuren,welcheGestapo-HäftlingeandenWändenvonZelle3
hinterlassen haben konserviert. (Abb. 48) Aus diesem Anlass erklärt Direktor
Peikštenis,dasseseinerseitsnichtstimme,dassderHolocaustnichtvorkomme–
undverweist auf die Tafelmit denOpferzahlender drei Besatzungen sowie auf
den neuenDokumentarfilm. Andererseits begründet er aber dasweitgehende
FehlenmitdenbereitsausdenanderenMuseenbekanntenArgumenten:„Fact is
thatwelackthefacilities.Wedidnothaveanyexhibitsrelevant tothistopic.Fur-
thermore,wearenext to theStateVilnaGaon JewishMuseum500meters away,
whichdealswiththeHolocaust“. (BalticNewsService2010)
242 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918