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DiegrößteNeuerung ist sicherlich,dassauchKollaboration, sowohlmitden
NS- als auchmit den sowjetischenBesatzern, nun kritisch thematisiertwird als
etwas, das jede und jeden von uns betreffen könnte. ImAudioguidewird beim
ThemaKollaborationoderSpionageetwadieFragegestellt:„Howwouldyoube-
have?“AuchVerrat des antisowjetischenWiderstands durch eigene Leute oder
Verbrechenderanti-sowjetischenPartisanInnenanderZivilbevölkerungwerden
nun erstmals behandelt. Interaktive Elemente fordern hier erneut die Besucher-
Innen auf, eine Person auszuwählen und eine von drei Entscheidungs- bzw.
Handlungsmöglichkeitenzuwählen.
NachdiesemTeilüberdieBesatzungfährtmanausdemKellermiteinemAuf-
zugindas lichtdurchfluteteErdgeschosszudenTeilenüber„Recovery“1987–1991
und „Freedom“hoch, eine einfach verständliche Symbolik. Hier herrschtwieder
Stimmenvielfalt, vorgestellt werden ein Punk, eine feministische Aktivistin, ein
Umweltschützer, ein Geschäftsmann und ein Nationalist. Die russischsprachige
Bevölkerungund ihre ausMoskauweitgehend gesteuerte Einwanderungbleiben
zwar imAbschnittüberdie sowjetischeÄrawiederausgespart, imAbschnittüber
„Recovery“wirddiePerspektiveder russischsprachigenBevölkerungnunaber
inkludiert.
DiesevonMerilinPiipuuverantworteteAusstellungaus 2018bringt alsoun-
zweifelhaftentscheidendeNeuerungen, reproduziertaberauchbekannteMuster,
wenn es um das Verhältnis zwischen der sowjetischen und der NS-Besatzung
geht. 2019lösteKeiuTelve,eineebenfalls jungeKulturwissenschaftlerinundMit-
arbeiterindesMuseums,PiipuualsMuseumsdirektorinab. (Vabamu2019)Piipuu
wurde zur Staatssekretärin für kulturelles Erbe im Kulturministerium der seit
2016amtierendenKoalitionvonZentrumspartei, Sozialdemokratenundderkon-
servativen IRLernannt.TrotzderanfänglichheftigenKritikanPiipuuwegender
Neugestaltungspläne für dasMuseumdiente ihr dieMuseumsleitung also als
Sprungbrett indiePolitik.
Waren die baltischen Museen vor der EU-Osterweiterung 2004 in unter-
schiedlichemAusmaß, aber doch eindeutig Beispiele für die Eindämmungder
ErinnerungandieNS-BesatzungunddenHolocaust, so fand indiesen Institu-
tionen inden letzten JahreneinWandel statt. InVilniuswurdedievölligeAus-
blendung aufgegeben und 2011 die NS-Zeit inkludiert. In Riga lässt das neue
MuseumindenvergrößertenRäumlichkeitennochauf sichwarten.Und inTal-
linnwurdedie2003 recht traditionellmitSchaukästenchronologischgestaltete
Ausstellung2018unterEinbeziehung internationalerTrendsgrundlegendüber-
arbeitet. InVilniussindNS-Opfernunauchinkludiert,wennauchdie jüdischen
imGegensatz zuden ‚eigenen‘nicht individualisiertwerden.DieTallinnerAus-
stellungzeigt,dasswennRomaerstmals inkludiertwerden,dannwiebeimers-
tenMal indenanderenMuseenauchhiernicht individualisiert. JüdischeOpfer
4.4 Seit2010:NeuesteEntwicklungeninpostsozialistischenMuseen 255
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918