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with its victims, only ifweavoid stigmatizingHungariansgenerally, andonly ifweoffer an
upliftingmessageofhopebycitingthosewhoactednobly. (EMIH2019, 13)
Eine dieser ‚erhebenden‘Botschaften ist, dass dieMehrzahl der Budapester Be-
völkerungüberlebthabe– ‚positive‘Aspektewerdenhervorgehoben,nicht,dass
beiweitemdiemeistenungarischen Jüdinnenund Judenermordetwordensind.
Die andere ‚erhebende‘Behauptung ist, dass derMilitärische Zwangsarbeits-
dienst, alsodie Sklavenarbeit, die Zehntausendeungarische Judendas Leben
gekostethat,„may, for some,haveofferedasenseofnational solidarity […] as
a way for Hungarian-Jewish citizens to do their civic duty in the defense of
their country“ (EMIH2019, 15) ‚Landesverteidigung‘ ist hier einbesonders frag-
würdigerBegriff,wurdendochdie ‚Arbeitsdienstler‘vonderungarischenArmee
ander ‚Ostfront‘anderSeitederWehrmachteingesetzt.Es istkaumvorstellbar,
dasssolche ‚erhebenden‘Botschaften imZeitalterder ‚UniversalisierungdesHo-
locaust‘ tatsächlich in einemMuseumumgesetzt werden, auchwenn Fidesz
mehrfach beteuerte, dass Schmidt, die von der Föderation der jüdischenGe-
meindenalsdasgrößteHindernisbezeichnetwurde,nunabgesetzt sei.
Die Politik der in Polen seit 2015 erneut regierenden PiS geht in vielerlei
Hinsicht in eine ähnlicheRichtung. (Radonić 2020, 74–76)GegenPolenhatte
die Europäische Kommission bereits 2017 ein Artikel-7-Verfahren eingeleitet
(was bedeutet, dass beide Verfahren niemals zu einem Entzug des Stimm-
rechts in der EU führenwerden, da dafür Einstimmigkeit erforderlich ist und
sichPolenundUngarngegenseitig davor schützenkönnen). Zuletzt hatte vor
allem die gemeinhin als „Holocaust-Gesetz“ bezeichnete Novelle des „Geset-
zes über das Institut desNationalenGedenkens–Kommission für dieVerfol-
gung vonVerbrechengegendaspolnischeVolk“ international für heftigeKritik
gesorgt. Bereits während ihrer ersten Regierungsperiode hatte die PiS 2006
ein ähnliches Gesetz verabschiedet, doch war dieses damals vom noch voll
funktionsfähigen Verfassungsgerichtshof für verfassungswidrig erklärt wor-
den. (Bucholc und Komornik 2019) Im Gesetzesentwurf von 2016 wurdemit
Strafen bis zu drei JahrenGefängnis gedroht,wennder polnischenNation oder
dempolnischen Staat „faktenwidrig die Verantwortung oderMitverantwortung
für Verbrechen“ zugeschrieben werden sollte, „die durch das Dritte Deutsche
Reichbegangenwurden“ (Sejm2018),wobeiKünstlerInnenundWissenschaftler-
Innen ausgenommen sein sollen. Nach zahlreichen internationalen und inlän-
dischen Protesten,wie der Selbstanzeige von 45 polnischen StaatsbürgerInnen,
dieüberdie vonPolinnenundPolenan ihren jüdischenMitbürgerInnen in Jed-
wabne 1941 begangenen Verbrechen bei der Staatanwaltschaft Erklärungen
hinterlegten (Chrzczonowicz 2018), wurde das Gesetz von einer straf- in eine
zivilrechtlicheAngelegenheitumgewandelt. (BucholcundKomornik2019)
4.4 Seit2010:NeuesteEntwicklungeninpostsozialistischenMuseen 261
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918