Page - 262 - in Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen - Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
Image of the Page - 262 -
Text of the Page - 262 -
Bei der Umgestaltung der Museumslandschaft ließ sich die PiS weniger
durch internationale Proteste stören als Fidesz in Ungarn. Die im folgenden
besprochenenMuseenexistierten2012,alsdiesesHabilitationsprojektentwor-
fenwurde,nochnicht. Siewerdendennochkursorisch indieAnalysemit ein-
bezogen,weil sie neuerdingsdie geschichtspolitischenDebatten inPolenwie
im Ausland beherrschen und von unmittelbaren Auswirkungen des autori-
tärenBacklashsaufdieMuseumslandschaft zeugen.
WieOrbán2002dasHausdesTerrorseröffneteauchLechKaczyński2004das
MuseumdesWarschauerAufstandsalsWegbereiterderneuenPiS-Geschichtspoli-
tik.WieOrbándasHolocaust-GedenkzentrumermöglichteKaczyński indieserers-
ten PiS-Hochphase dasMuseumder Geschichte der polnischen Juden (MGPJ) in
Warschau als internationales Signal im Sinne der ‚Universalisierung des Holo-
caust‘. „The idea to found themuseumwas first broached in themid-1990s by
JeshajahuWeinberg,oneof thefoundersandthefirstdirectorofboththeMuseum
of the JewishDiaspora inTelAvivand theUnitedStatesHolocaustMemorialMu-
seum inWashington.“ (Wóycicka 2008, 241) Die Gesellschaft Jüdisches Histori-
sches Institut propagierte dieMuseumsidee bereits in den 1990er Jahren. Ihr
Direktor Grażyna Pawlak initiierte die Ausarbeitung einesMuseumskonzepts
und JerzyHalberstadt, ehemaligerMitarbeiter desUSHMM,wurde der erste Di-
rektor. ImUnterstützungskomiteewarenzwei ehemaligeAußenminister,Wła-
dysławBartoszewski sowie der berühmte Regisseur AndrzejWajda vertreten.
(Wóycicka 2008, 241) 2004beschloss der Sejmmit denStimmenvonSLD, PO
undder 2001vondenKaczyński-ZwillingengegründetenPiSeine staatliche fi-
nanzielle Beteiligung. Lech Kaczyński, damals Stadtpräsident vonWarschau,
sicherte ebenfalls finanzielle Unterstützung zu undwird auf derMuseumsweb-
seite als Initiator deroffiziellenMuseumsgründung2005bezeichnet. (Polino. J.)
Das2013eröffnete,vomfinnischenArchitektenRainerMahlamäkigestalteteund
architektonischherausragendeGebäudedesMGPJ (Abb. 55)wurdedurchöffent-
licheGelder finanziert, dieAusstellungdurch zahlreicheSpenden,der ersteFall
eineröffentlich-privatenPartnerschaft inPolen.
EsstehtandemOrt,andemsichdas letzteHauptquartierdes Judenratsbe-
fundenhatte, als 1943 der Ghettoaufstand ausbrach– gegenüber des berühm-
ten Denkmals für die Helden desWarschauer Ghettos von Nathan Rappaport
undLeonMarekSuzin aus 1948. Inder 2014 eröffnetenAusstellung sozusagen
auf dem Schutt des Ghettos sind zwei fiktive Straßen entlang zweier histori-
scher Straßen angelegt. Dochdie ‚typisch jüdische‘unddie ‚arische‘ Straße in
der Ausstellung, die entlang der historischen Zamenhof-Straße verlaufen, ent-
haltennichtdie Information,dassdieWarschauer JüdinnenundJudendiesen
Wegnehmenmussten, umzum ‚Umschlagplatz‘ zugelangen,wovonausdie
262 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918