Page - 268 - in Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen - Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
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November 2017wurdezunächstderFilmamEndederAusstellung,deraufglo-
baleAuswirkungenvonKriegundRassismus,etwadenKu-Klux-Klan,Vietnam,
den 11. September oder Islamismusbehandelte, ausgetauscht durch einenani-
miertenheroisch-patriotischenFilm,derausschließlichaufPolen fokussiert ist.
Er enthält Parolenwie: „Wesaved Jews“; „Wegive life in the nameof dignity
and freedom“; „Wewerebetrayed“; „ThePopegavehopeof victory“; und „We
donot beg for freedom,we fight for it.“Fernerwurde imSinne des bereits er-
wähnten Trends eine Tafel über jene Polinnen und Polen hinzugefügt, die Jü-
dinnen und Juden gerettet haben – inklusive eines Fotos der ‚Judenretterin‘
WiktoriaUlmamit ihren sechsKindern.165Wie schon imMuseumderOkkupa-
tionLettlands,werdenauchhiernurdiepolnischenRetterInnennamentlichge-
nanntundmittelsPrivatfotosEmpathie für siegeweckt:„On24March1944,all
membersof theUlma familyweremurderedbyGermans forhiding Jews in their
house. At the time of themurder,Wiktoria Ulmawas in very late pregnancy.“
NichtbenanntwerdenhingegendieJüdinnenundJuden,diesieversteckthaben,
dieFamilie Szall unddieSchwesternGoldaundLaykaGoldman,dieerschossen
wurden,unmittelbarnachdemmansieentdeckte.DieRetterInnenzuthematisie-
ren ist einunverzichtbarer Teil einer vollständigen, ‚integrierten‘Geschichtedes
Holocaust.Dochder aktuelle ‚RetterInnen-Turn‘ inderGeschichtspolitikdes zu-
nehmen autoritärenUngarns und Polens entzieht die Aufmerksamkeit von den
OpfernderVerfolgungundvorallemauchderKollaborationundnimmtstattdes-
sen ‚unsereHelden-Opfer‘ in denFokus, eineHolocaust-Geschichte ohne Jüdin-
nenundJuden.
Zwei neueTexttafelnbehandeln fernernun „TheSovietGenocide onPoles
and theCommunist StateofMassTerror“, alsodie als„systematic ethnicgeno-
cide“bezeichnetenMordeanderpolnischenMinderheit inderSowjetunionvor
demZweitenWeltkrieg.DerGenozidanPolenseizwarparallelzurLiquidierung
andererMinderheiten vonstattengegangen, doch einzig imFall der polnischen
Minderheit seien 18Prozent vonderVerfolgungbetroffen gewesen, vondenen
wiederum80Prozent exekutiert worden seien. Ferner hinzugefügtwurde u.a.
das FotodespolnischenKryptologenMarianRejewski, der imAuftragdespol-
nischenGeheimdienstes 1932 als erster dendeutschenEnigma-Codeentschlüs-
selte und somit demMuseum zufolge einen der größten polnischen Beiträge
zum Sieg über NS-Deutschland lieferte. Andere neue Fotos zeigen die polni-
schen Auschwitz-Häftlinge Pater MaximilianMaria Kolbe und den polnischen
Offizier Witold Pilecki, die sich dort durch heldenhafte Taten auszeichneten.
165 IchdankedemMuseumdes ZweitenWeltkriegs für dieAufschlüsselungderÄnderungen
inderAusstellung.
268 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918