Page - 122 - in Rausch der Verwandlung
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schlieĂt sie sich ein und schlieĂt damit ihre Feindseligkeit hinter ihre vier
WÀnde, damit sie die Leute nicht anfÀhrt wie ein gereizter Hund. Sie kann die
StraĂe nicht sehen mit ewig denselben HĂ€usern, Anschriften und Gesichtern.
LÀcherlich scheinen ihr die Weiber in ihren weiten Kattunröcken, ihren
aufgetĂŒrmten fettigen Haaren, ihren plumpberingten HĂ€nden, unertrĂ€glich die
MÀnner, schnaufend und schmerbÀuchig, und am widerlichsten die Burschen,
wenn sie stÀdtisch tun, sich Pomade ins Haar schmieren, unertrÀglich das
Wirtshaus, wo es nach Bier riecht und schlechtem Rauch und rotbackig blöd
das dralle MĂ€del die sinnlichen Griffe und Scherze des Forstadjunkten und
des Gendarmeriewachtmeisters hinnimmt. Lieber sperrt sie sich ins Zimmer,
aber sie zĂŒndet kein Licht, um die verhaĂten Dinge nicht zu sehen. Stumm
sitzt sie da und denkt nach, immer dasselbe. Sie erinnert sich mit einer
erstaunlichen Kraft und Deutlichkeit, und es zeichnen sich jetzt unzÀhlige
Einzelheiten ab, die sie im Wirbel gar nicht bemerkt und gefĂŒhlt hatte. An
jedes Wort, an jeden einzelnen Blick erinnert sie sich, jede Speise, die sie
gegessen, bringt ihr mit erstaunlicher Kraft ihren Geschmack zurĂŒck, sie spĂŒrt
den Wein auf der Lippe, den Likör. Sie vergegenwĂ€rtigt sich das GefĂŒhl des
leichten Seidenkleides auf den nackten Schultern und die Weiche des weiĂen
Bettes. Eine Unzahl Dinge fÀllt ihr ein: daà der kleine EnglÀnder ihr damals
auf dem Gang merkwĂŒrdig zĂ€h gefolgt und abends vor ihrer TĂŒr
stehengeblieben ist, gewisse zÀrtliche Striche des Mannheimer MÀdels ihren
Arm entlang brennen ihr plötzlich elektrisch auf der Haut, und nachtrÀglich
fÀllt ihr ein, gehört zu haben, daà auch Frauen ineinander verliebt sein
können. Jede Sekunde, jeden Tag von damals rekapituliert sie Stunde fĂŒr
Stunde und weiĂ jetzt erst, wie voll ungenutzter und ungeahnter
Möglichkeiten jene Zeit gewesen. So sitzt sie jeden Abend stumm und still
und trĂ€umt sich in jene Zeit zurĂŒck, wie sie gewesen, und weiĂ zugleich, daĂ
sie es nicht mehr ist, und will es doch nicht wissen und weiĂ es doch. Wenn es
an die TĂŒr pocht â Fuchsthaler versucht mehrmals sie zu trösten â, rĂŒhrt sie
sich nicht und hÀlt den Atem an, atmet auf, wenn sie die Schritte wieder hinab
die knirschende Treppe hört, ihre TrÀume sind das einzige, was sie noch hat,
sie will sie nicht hergeben. AusgemĂŒdet von ihnen legt sie sich dann ins Bett
und schreckt immer zusammen, so kalt und feucht legt es sich ihr an die
verwöhnte Haut. Ihre Kleider, ihren Mantel muĂ sie noch ĂŒber die Decke
legen, dermaĂen schĂŒttelt sie der Frost. SpĂ€t schlĂ€ft sie dann ein, aber es wird
kein guter Schlaf, immer voll Àngstig phantastischer TrÀume, immer fÀhrt sie
in diesen TrÀumen auf, im Auto saust sie schnell, furchtbar schnell die Berge
hinauf und die Berge hinab, immer ist Angst in ihr vor dem Fall und
gleichzeitig die Lust der Geschwindigkeit, und immer neben ihr ein Mann,
der Deutsche oder ein anderer, der sie hĂ€lt. Mit einem spĂŒrt sie erschreckt,
daĂ sie nackt neben ihm sitzt, und schon sind alle um sie herum und lachen,
das Auto stockt, sie schreit ihn an, er soll es doch wieder ankurbeln, schnell,
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Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik