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Rausch der Verwandlung
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schließt sie sich ein und schließt damit ihre Feindseligkeit hinter ihre vier Wände, damit sie die Leute nicht anfährt wie ein gereizter Hund. Sie kann die Straße nicht sehen mit ewig denselben Häusern, Anschriften und Gesichtern. Lächerlich scheinen ihr die Weiber in ihren weiten Kattunröcken, ihren aufgetürmten fettigen Haaren, ihren plumpberingten Händen, unerträglich die Männer, schnaufend und schmerbäuchig, und am widerlichsten die Burschen, wenn sie städtisch tun, sich Pomade ins Haar schmieren, unerträglich das Wirtshaus, wo es nach Bier riecht und schlechtem Rauch und rotbackig blöd das dralle Mädel die sinnlichen Griffe und Scherze des Forstadjunkten und des Gendarmeriewachtmeisters hinnimmt. Lieber sperrt sie sich ins Zimmer, aber sie zündet kein Licht, um die verhaßten Dinge nicht zu sehen. Stumm sitzt sie da und denkt nach, immer dasselbe. Sie erinnert sich mit einer erstaunlichen Kraft und Deutlichkeit, und es zeichnen sich jetzt unzählige Einzelheiten ab, die sie im Wirbel gar nicht bemerkt und gefühlt hatte. An jedes Wort, an jeden einzelnen Blick erinnert sie sich, jede Speise, die sie gegessen, bringt ihr mit erstaunlicher Kraft ihren Geschmack zurück, sie spürt den Wein auf der Lippe, den Likör. Sie vergegenwärtigt sich das Gefühl des leichten Seidenkleides auf den nackten Schultern und die Weiche des weißen Bettes. Eine Unzahl Dinge fällt ihr ein: daß der kleine Engländer ihr damals auf dem Gang merkwürdig zäh gefolgt und abends vor ihrer Tür stehengeblieben ist, gewisse zärtliche Striche des Mannheimer Mädels ihren Arm entlang brennen ihr plötzlich elektrisch auf der Haut, und nachträglich fällt ihr ein, gehört zu haben, daß auch Frauen ineinander verliebt sein können. Jede Sekunde, jeden Tag von damals rekapituliert sie Stunde für Stunde und weiß jetzt erst, wie voll ungenutzter und ungeahnter Möglichkeiten jene Zeit gewesen. So sitzt sie jeden Abend stumm und still und träumt sich in jene Zeit zurück, wie sie gewesen, und weiß zugleich, daß sie es nicht mehr ist, und will es doch nicht wissen und weiß es doch. Wenn es an die Tür pocht – Fuchsthaler versucht mehrmals sie zu trösten –, rührt sie sich nicht und hält den Atem an, atmet auf, wenn sie die Schritte wieder hinab die knirschende Treppe hört, ihre Träume sind das einzige, was sie noch hat, sie will sie nicht hergeben. Ausgemüdet von ihnen legt sie sich dann ins Bett und schreckt immer zusammen, so kalt und feucht legt es sich ihr an die verwöhnte Haut. Ihre Kleider, ihren Mantel muß sie noch über die Decke legen, dermaßen schüttelt sie der Frost. Spät schläft sie dann ein, aber es wird kein guter Schlaf, immer voll ängstig phantastischer Träume, immer fährt sie in diesen Träumen auf, im Auto saust sie schnell, furchtbar schnell die Berge hinauf und die Berge hinab, immer ist Angst in ihr vor dem Fall und gleichzeitig die Lust der Geschwindigkeit, und immer neben ihr ein Mann, der Deutsche oder ein anderer, der sie hält. Mit einem spürt sie erschreckt, daß sie nackt neben ihm sitzt, und schon sind alle um sie herum und lachen, das Auto stockt, sie schreit ihn an, er soll es doch wieder ankurbeln, schnell, 122
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Rausch der Verwandlung
Titel
Rausch der Verwandlung
Autor
Stefan Zweig
Datum
1982
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
204
Kategorien
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