Page - 134 - in Rausch der Verwandlung
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Zweihunderttausend Kronen, sie war ja eine gute Ă–sterreicherin und hat
drunten alles verkauft, die Weingärten, die Wirtschaft und die Trafik, weil sie
nicht Italienerin werden wollte, und hat alles angelegt in schönen,
funkelnagelneuen Tausendkronenscheinen, wie man sie im Krieg so prächtig
geboren hat. Na, und die hat sie jetzt unter dem Bett in ihrer Kassette
versteckt und schwört darauf, sie werden einmal noch etwas wert sein, es
könnte ja nicht möglich sein, daß so etwas, was einmal zwanzig Hektar waren
oder fünfundzwanzig und ein schönes steinernes Haus und gute alte ererbte
Möbel und fünfzig Jahre Arbeit oder vierzig, daß das ewig nichts sein sollte.
Ja, die Gute begreift es nicht mehr mit ihren fĂĽnfundsiebzig Jahren. Sie glaubt
eben noch immer an den lieben guten Gott und seine irdische Gerechtigkeit.«
Er hat eine Pfeife aus seiner Tasche geholt, stopft sie sich heftig an und
beginnt stark zu paffen. Christine spĂĽrt sofort, es ist Zorn in dieser Bewegung.
Diese kalte, harte, höhnische Wut ist ihr vertraut, und sie tut ihr irgendwie
brüderlich wohl. Ihre Schwester sieht geärgert zur Seite. Irgendein
Widerwillen wächst sichtlich in ihr gegen diesen Mann, der das Zimmer
rĂĽcksichtslos vollpafft und mit ihrem Mann wie mit einem Schuljungen
umspringt. Sie ärgert sich über diese Unterwürfigkeit vor diesem schlecht
angezogenen, feindseligen und – sie spürt es atmosphärisch – mit dem Geiste
der Revolte geladenen Menschen, der hier Steine in den Teich ihrer
Gemütlichkeit wirft. Franz selbst ist wie betäubt, er schaut nur immer seinen
Kameraden an, gutmĂĽtig und erschreckt zugleich, und stammelt immer sein
leeres »Nein, so was! Nein, so was!« Er braucht einige Zeit, sich zu fassen,
dann fängt er immer von neuem an. »Aber, ja dann – so erzähl doch weiter,
was hast du dann gemacht?«
»So allerhand hin und her. Zuerst habe ich geglaubt, wenn ich etwas
nebenbei verdiene, so wird das reichen, daĂź ich das Studium fortsetzen kann,
aber es hat halt nie gereicht, kaum zum täglichen Futter. Ja, mein lieber
Franzi, in Banken und Ämtern und Geschäften hat man eben nicht auf
Männer gewartet, die überflüssigerweise noch zwei Winter Urlaub in Sibirien
genommen haben und dann heimgekommen sind mit einer halben Hand.
Überall: ›Bedaure, bedaure‹, überall sind die andern schon gesessen mit
dicken Ärschen und gesunden Fingern, überall war ich mit meiner
›Kleinigkeit‹, die ich erwischt hatte, in der Hinterhand.«
»Aber – da hättest du doch ein Recht auf die Invaliditätsrente, du bist doch
arbeitsunfähig oder vermindert arbeitsfähig, da mußt du doch einen Zuschuß
bekommen, darauf hast du doch ein Recht.«
»Meinst du? Na, ich mein’s eigentlich auch. Ich mein’s auch, daß der Staat
eine gewisse Pflicht hätte, einem zu helfen, wenn man ein Haus verloren hat,
Weingärten und einen Finger und geschlagene sechs Jahre Zeit. Aber, mein
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Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik