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Rausch der Verwandlung
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Zweihunderttausend Kronen, sie war ja eine gute Österreicherin und hat drunten alles verkauft, die Weingärten, die Wirtschaft und die Trafik, weil sie nicht Italienerin werden wollte, und hat alles angelegt in schönen, funkelnagelneuen Tausendkronenscheinen, wie man sie im Krieg so prächtig geboren hat. Na, und die hat sie jetzt unter dem Bett in ihrer Kassette versteckt und schwört darauf, sie werden einmal noch etwas wert sein, es könnte ja nicht möglich sein, daß so etwas, was einmal zwanzig Hektar waren oder fünfundzwanzig und ein schönes steinernes Haus und gute alte ererbte Möbel und fünfzig Jahre Arbeit oder vierzig, daß das ewig nichts sein sollte. Ja, die Gute begreift es nicht mehr mit ihren fünfundsiebzig Jahren. Sie glaubt eben noch immer an den lieben guten Gott und seine irdische Gerechtigkeit.« Er hat eine Pfeife aus seiner Tasche geholt, stopft sie sich heftig an und beginnt stark zu paffen. Christine spürt sofort, es ist Zorn in dieser Bewegung. Diese kalte, harte, höhnische Wut ist ihr vertraut, und sie tut ihr irgendwie brüderlich wohl. Ihre Schwester sieht geärgert zur Seite. Irgendein Widerwillen wächst sichtlich in ihr gegen diesen Mann, der das Zimmer rücksichtslos vollpafft und mit ihrem Mann wie mit einem Schuljungen umspringt. Sie ärgert sich über diese Unterwürfigkeit vor diesem schlecht angezogenen, feindseligen und – sie spürt es atmosphärisch – mit dem Geiste der Revolte geladenen Menschen, der hier Steine in den Teich ihrer Gemütlichkeit wirft. Franz selbst ist wie betäubt, er schaut nur immer seinen Kameraden an, gutmütig und erschreckt zugleich, und stammelt immer sein leeres »Nein, so was! Nein, so was!« Er braucht einige Zeit, sich zu fassen, dann fängt er immer von neuem an. »Aber, ja dann – so erzähl doch weiter, was hast du dann gemacht?« »So allerhand hin und her. Zuerst habe ich geglaubt, wenn ich etwas nebenbei verdiene, so wird das reichen, daß ich das Studium fortsetzen kann, aber es hat halt nie gereicht, kaum zum täglichen Futter. Ja, mein lieber Franzi, in Banken und Ämtern und Geschäften hat man eben nicht auf Männer gewartet, die überflüssigerweise noch zwei Winter Urlaub in Sibirien genommen haben und dann heimgekommen sind mit einer halben Hand. Überall: ›Bedaure, bedaure‹, überall sind die andern schon gesessen mit dicken Ärschen und gesunden Fingern, überall war ich mit meiner ›Kleinigkeit‹, die ich erwischt hatte, in der Hinterhand.« »Aber – da hättest du doch ein Recht auf die Invaliditätsrente, du bist doch arbeitsunfähig oder vermindert arbeitsfähig, da mußt du doch einen Zuschuß bekommen, darauf hast du doch ein Recht.« »Meinst du? Na, ich mein’s eigentlich auch. Ich mein’s auch, daß der Staat eine gewisse Pflicht hätte, einem zu helfen, wenn man ein Haus verloren hat, Weingärten und einen Finger und geschlagene sechs Jahre Zeit. Aber, mein 134
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Rausch der Verwandlung
Titel
Rausch der Verwandlung
Autor
Stefan Zweig
Datum
1982
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
204
Kategorien
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