Page - 139 - in Rausch der Verwandlung
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Franz macht eine Bewegung.
»Aber nein, Franz, ich meine es doch nicht gegen dich. Ich weiß, du bist
ein guter Kerl, ich kenne doch jeden Faden von dir, ich weiß, wenn du es
könntest, möchtest du für mich die Nationalbank ausräumen und mich zum
Minister machen. Ich weiß, du bist gutmütig, das aber ist ja unsere Schuld,
unser Verbrechen, daß wir so gutmütig waren, so gutgläubig, und darum
haben die andern mit uns alles gemacht, was sie wollten. Nein, mein Lieber,
das ist bei mir vorbei. Ich lasse mir nicht mehr etwas vormachen, daß es
andern schlechter geht, ich lasse mir nicht mehr einreden, daß ich ›Glück‹
gehabt habe, weil ich noch meine Knochen beisammen habe und ohne
Krücken herumgehe. Ich lasse mir nicht einreden, daß das genug ist, wenn
man atmet und gerade sein Futter hat, und daß damit alles schon in Ordnung
ist. Ich glaube an nichts mehr, an keinen Gott und keinen Staat und keinen
Sinn der Welt, an nichts, solange ich nicht spüre, daß ich zu meinem Recht
komme, zu meinem Recht auf Leben, und solange ich das nicht habe, werde
ich sagen, man hat mich bestohlen und betrogen. Ich gebe nicht früher nach,
als bis ich spüre, daß ich mein wirkliches Leben lebe und nicht den Abhub
bekomme von dem, was die andern wegschmeißen oder auskotzen. Kannst du
das verstehen?«
»Ja.«
Alle schauen brüsk auf. Jemand hat laut und leidenschaftlich »Ja« gesagt.
Christine merkt, daß alle sie anblicken, und wird rot. Sie ist sich nur bewußt,
dieses Ja gedacht und innen stark gefühlt zu haben; ohne daß sie es weiß, ist
es ihr über die Lippen gefahren. Nun sitzt sie verlegen im Brennkreis
plötzlicher Neugierde. Schweigen. In diesem Augenblick springt Nelly auf.
Jetzt hat sie endlich Gelegenheit, ihren Zorn zu entladen.
»Was red’st denn du mit? Was verstehst du denn davon, als ob du je mit
dem Krieg etwas zu tun gehabt hättest!«
Auf einmal brennt das Zimmer von Energien. Auch Christine ist froh, ihren
Zorn abspringen lassen zu können. »Gar nichts! Gar nichts! Nur daß wir auf
den Hund dadurch gekommen sind. Daß wir einen Bruder gehabt haben, hast
du auch schon vergessen, und wie der Vater zugrunde gegangen ist und
alles … alles.«
»Aber du nicht, dir hat nichts gefehlt, du hast deine gute Stellung und
solltest froh sein.«
»So, froh soll ich sein. Mich bedanken soll ich noch, daß ich da draußen
sitze in diesem Mistnest. Dir scheint es nicht sehr gefallen zu haben, denn du
bist nur alle heiligen Zeiten hinausgekommen zur Mutter. Alles ist wahr, was
Herr Farmer sagt. Jahre hat man uns gestohlen und nichts gegeben, nicht
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Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik