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Rausch der Verwandlung
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Franz macht eine Bewegung. »Aber nein, Franz, ich meine es doch nicht gegen dich. Ich weiß, du bist ein guter Kerl, ich kenne doch jeden Faden von dir, ich weiß, wenn du es könntest, möchtest du für mich die Nationalbank ausräumen und mich zum Minister machen. Ich weiß, du bist gutmütig, das aber ist ja unsere Schuld, unser Verbrechen, daß wir so gutmütig waren, so gutgläubig, und darum haben die andern mit uns alles gemacht, was sie wollten. Nein, mein Lieber, das ist bei mir vorbei. Ich lasse mir nicht mehr etwas vormachen, daß es andern schlechter geht, ich lasse mir nicht mehr einreden, daß ich ›Glück‹ gehabt habe, weil ich noch meine Knochen beisammen habe und ohne Krücken herumgehe. Ich lasse mir nicht einreden, daß das genug ist, wenn man atmet und gerade sein Futter hat, und daß damit alles schon in Ordnung ist. Ich glaube an nichts mehr, an keinen Gott und keinen Staat und keinen Sinn der Welt, an nichts, solange ich nicht spüre, daß ich zu meinem Recht komme, zu meinem Recht auf Leben, und solange ich das nicht habe, werde ich sagen, man hat mich bestohlen und betrogen. Ich gebe nicht früher nach, als bis ich spüre, daß ich mein wirkliches Leben lebe und nicht den Abhub bekomme von dem, was die andern wegschmeißen oder auskotzen. Kannst du das verstehen?« »Ja.« Alle schauen brüsk auf. Jemand hat laut und leidenschaftlich »Ja« gesagt. Christine merkt, daß alle sie anblicken, und wird rot. Sie ist sich nur bewußt, dieses Ja gedacht und innen stark gefühlt zu haben; ohne daß sie es weiß, ist es ihr über die Lippen gefahren. Nun sitzt sie verlegen im Brennkreis plötzlicher Neugierde. Schweigen. In diesem Augenblick springt Nelly auf. Jetzt hat sie endlich Gelegenheit, ihren Zorn zu entladen. »Was red’st denn du mit? Was verstehst du denn davon, als ob du je mit dem Krieg etwas zu tun gehabt hättest!« Auf einmal brennt das Zimmer von Energien. Auch Christine ist froh, ihren Zorn abspringen lassen zu können. »Gar nichts! Gar nichts! Nur daß wir auf den Hund dadurch gekommen sind. Daß wir einen Bruder gehabt haben, hast du auch schon vergessen, und wie der Vater zugrunde gegangen ist und alles … alles.« »Aber du nicht, dir hat nichts gefehlt, du hast deine gute Stellung und solltest froh sein.« »So, froh soll ich sein. Mich bedanken soll ich noch, daß ich da draußen sitze in diesem Mistnest. Dir scheint es nicht sehr gefallen zu haben, denn du bist nur alle heiligen Zeiten hinausgekommen zur Mutter. Alles ist wahr, was Herr Farmer sagt. Jahre hat man uns gestohlen und nichts gegeben, nicht 139
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Rausch der Verwandlung
Titel
Rausch der Verwandlung
Autor
Stefan Zweig
Datum
1982
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
204
Kategorien
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