Page - 146 - in Rausch der Verwandlung
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doch nur, weil man sie nicht versteht und sie einen nicht mehr verstehen… Es
ist, als redete man eine andere Sprache und wollte etwas anderes, als sie
wollen… Aber verzeihen Sie, Fräulein, ich rede da so hin, und das ist ja alles
Unsinn, und ich verlange gar nicht, daß Sie es verstehen können.«
Christine bleibt wieder stehen und sieht ihn an. »Sie irren«, sagt sie, »ich
verstehe das ganz genau, was Sie sagen. Ich verstehe jedes Wort. Das heißt…
vor einem Jahr, vor ein paar Monaten noch, hätte ich Sie vielleicht nicht
verstanden, aber seit ich zurück bin von… «
Sie besinnt sich und reißt sich im letzten Augenblick zurück.
Beinahe hätte sie angefangen, alles diesem Fremden zu erzählen. So
wechselt sie schnell den Ton: »Übrigens – ich muß Ihnen noch etwas sagen,
ich gehe gar nicht direkt zur Bahn, ich muß noch zuvor meinen Koffer
abholen in dem Hotel, wo ich heute übernachtet habe. Ich bin nämlich schon
gestern abends gekommen, und nicht, wie sie dort meinten, heute früh…
Meiner Schwester wollte ich es nicht sagen, sie wäre beleidigt gewesen, daß
ich nicht bei ihnen übernachtet habe, aber ich falle niemand gern zur Last, ich
wollte Sie nur bitten… wenn Sie meinen Schwager sprechen, so sagen Sie
ihm nichts davon.«
»Aber selbstverständlich.«
Sofort spürt sie die Freude und Dankbarkeit für ihr Vertrauen. Sie holen
gemeinsam den Koffer ab, er will ihn tragen, aber sie verbietet es ihm: »Nein,
nicht mit ihrer Hand, Sie haben doch selbst erzählt… « Sie schweigt, denn sie
merkt seine Beschämung. Ich hätte es nicht sagen sollen, denkt sie sofort,
nicht zeigen, daß ich mich daran erinnere, daß es ihm vielleicht schwerfällt.
So überläßt sie ihm doch den Koffer. Auf dem Bahnhof sind noch dreiviertel
Stunden Zeit bis zum Personenzug. Sie setzen sich in den Wartesaal und
plaudern miteinander. Über ganz sachliche Dinge sprechen sie, über ihren
Schwager, über das Postamt, über die politischen Verhältnisse in Österreich,
über Kleinigkeiten und Äußerlichkeiten. Sie sind ganz ohne Intimität, nur klar
und einverständlich, und sie merkt mit Respekt seine scharf abgrenzende,
rasch begreifende Intelligenz. Schließlich ist es so weit, sie steht auf und sagt:
»Ich glaube, ich muß jetzt gehen.«
Auch er steht auf, in einer gewissen erschrockenen Art, und daß es ihm
sichtlich schwerfällt, das Gespräch abzubrechen, ist ihr ergreifend und
wohltuend zugleich. Er wird heute abend ganz allein sein, denkt sie und spürt
gleichzeitig mit einem gewissen Stolz, daß endlich wieder unvermuteterweise
ein Mensch da ist, der sich um sie bemüht, daß sie, das zwecklose Wesen,
Postassistentin, angestellt um Marken zu verkaufen, Telegramme zu stempeln
und Kontakte auf Anrufe einzuschalten, irgend jemand irgend etwas gilt. Sein
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Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik