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Rausch der Verwandlung
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doch nur, weil man sie nicht versteht und sie einen nicht mehr verstehen… Es ist, als redete man eine andere Sprache und wollte etwas anderes, als sie wollen… Aber verzeihen Sie, Fräulein, ich rede da so hin, und das ist ja alles Unsinn, und ich verlange gar nicht, daß Sie es verstehen können.« Christine bleibt wieder stehen und sieht ihn an. »Sie irren«, sagt sie, »ich verstehe das ganz genau, was Sie sagen. Ich verstehe jedes Wort. Das heißt… vor einem Jahr, vor ein paar Monaten noch, hätte ich Sie vielleicht nicht verstanden, aber seit ich zurück bin von… « Sie besinnt sich und reißt sich im letzten Augenblick zurück. Beinahe hätte sie angefangen, alles diesem Fremden zu erzählen. So wechselt sie schnell den Ton: »Übrigens – ich muß Ihnen noch etwas sagen, ich gehe gar nicht direkt zur Bahn, ich muß noch zuvor meinen Koffer abholen in dem Hotel, wo ich heute übernachtet habe. Ich bin nämlich schon gestern abends gekommen, und nicht, wie sie dort meinten, heute früh… Meiner Schwester wollte ich es nicht sagen, sie wäre beleidigt gewesen, daß ich nicht bei ihnen übernachtet habe, aber ich falle niemand gern zur Last, ich wollte Sie nur bitten… wenn Sie meinen Schwager sprechen, so sagen Sie ihm nichts davon.« »Aber selbstverständlich.« Sofort spürt sie die Freude und Dankbarkeit für ihr Vertrauen. Sie holen gemeinsam den Koffer ab, er will ihn tragen, aber sie verbietet es ihm: »Nein, nicht mit ihrer Hand, Sie haben doch selbst erzählt… « Sie schweigt, denn sie merkt seine Beschämung. Ich hätte es nicht sagen sollen, denkt sie sofort, nicht zeigen, daß ich mich daran erinnere, daß es ihm vielleicht schwerfällt. So überläßt sie ihm doch den Koffer. Auf dem Bahnhof sind noch dreiviertel Stunden Zeit bis zum Personenzug. Sie setzen sich in den Wartesaal und plaudern miteinander. Über ganz sachliche Dinge sprechen sie, über ihren Schwager, über das Postamt, über die politischen Verhältnisse in Österreich, über Kleinigkeiten und Äußerlichkeiten. Sie sind ganz ohne Intimität, nur klar und einverständlich, und sie merkt mit Respekt seine scharf abgrenzende, rasch begreifende Intelligenz. Schließlich ist es so weit, sie steht auf und sagt: »Ich glaube, ich muß jetzt gehen.« Auch er steht auf, in einer gewissen erschrockenen Art, und daß es ihm sichtlich schwerfällt, das Gespräch abzubrechen, ist ihr ergreifend und wohltuend zugleich. Er wird heute abend ganz allein sein, denkt sie und spürt gleichzeitig mit einem gewissen Stolz, daß endlich wieder unvermuteterweise ein Mensch da ist, der sich um sie bemüht, daß sie, das zwecklose Wesen, Postassistentin, angestellt um Marken zu verkaufen, Telegramme zu stempeln und Kontakte auf Anrufe einzuschalten, irgend jemand irgend etwas gilt. Sein 146
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Rausch der Verwandlung
Titel
Rausch der Verwandlung
Autor
Stefan Zweig
Datum
1982
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
204
Kategorien
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