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Rausch der Verwandlung
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und eben zieht er – er hat sich noch unbeachtet gemeint, den Havelock mit einer Bewegung zusammen, als ob ihn friere. Mitleid ergreift sie: »Ich komme bald wieder herein«, sagt sie, »wahrscheinlich schon nächsten Sonntag. Und wenn Sie dann Zeit haben … « »Ich habe immer Zeit. Und es ist so ziemlich das einzige, was ich habe, und das im Überfluß, aber ich möchte nicht … Ich möchte nicht … « Er stockt. »Was möchten Sie nicht?« »Ich möchte nicht … ich meine nur … nicht daß Sie sich meinetwegen inkommodieren … Sie waren so gut zu mir … ich weiß, es ist kein Vergnügen, mit mir zu sein … Aber vielleicht schon im Zuge oder morgen sagen Sie sich, wozu sich da anhalten lassen von fremdem Gejammer, ich weiß, mir geht es selbst so – höre zu und es ergreift mich, wenn jemand mir was Schweres von seinem Leben erzählt; aber dann, wenn er weg ist, sage ich mir: hole ihn der Teufel, was packt er mir noch seine Sorgen auf, wir haben genug jeder an uns selbst … Also nicht, daß Sie sich zwingen oder sich denken, dem muß man helfen, ich mach’ es schon allein mit mir aus … « Christine sieht weg. Sie kann es nicht vertragen, ihn anzusehen, wenn er so gegen sich selbst wütet. Es quält sie. Aber er mißversteht ihre Bewegung. Er meint, sie sei beleidigt, und sofort kommt klein und schüchtern wieder die zweite, die Knabenstimme der zornigen und bösen nach. »Ich meine natürlich … es würde mich sehr freuen … aber ich dachte nur für den Fall … ich wollte damit nur sagen … « Er stammen ganz unsicher und versucht sie anzusehen mit einem kindlich bestürzten Gesicht, das um Verzeihung bittet. Und sie begreift sein Stammern, sie versteht, daß dieser harte, leidenschaftliche von Scham verbogene Mensch sie bitten will, wiederzukommen, und daß er doch nicht den Mut hat. Etwas wächst jetzt in ihr mächtig auf, mütterliche Wärme und Mitleid zugleich, ein Bedürfnis, diesen so wild Demütigen zu trösten, seinen harten Stolz zu wölben mit irgendeiner Geste, mit irgendeinem Wort. Am liebsten würde sie ihm über die Stirn streichen oder sagen: »Sie dummer Bub«, aber sie fürchtet sich, weil er so verletzlich ist. Aus Verlegenheit sagt sie: »Es tut mir leid – aber ich glaube, ich muß jetzt wirklich schon gehen.« »Tut es Ihnen … tut es Ihnen wirklich leid?« Trotzig fragt er sie und sieht sie verlangend an, und dabei ist in seinem hilflosen Dastehn schon die Verzweiflung des Alleinseins, er steht schon da, sie fühlt es voraus, allein in der Halle, verzweifelt nachsehend dem Zug, der sie fortträgt, allein in der Stadt, allein in der Welt, und sie spürt, wie er mit dem ganzen Gewicht seines Gefühls an ihr hängt. Erschüttert spürt die Frau, spürt der Mensch in ihr sich zum erstenmal wieder begehrt und tiefer begehrt als von irgend jemand 154
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Rausch der Verwandlung
Title
Rausch der Verwandlung
Author
Stefan Zweig
Date
1982
Language
German
License
PD
Size
21.0 x 29.7 cm
Pages
204
Categories
Weiteres Belletristik
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