Seite - 154 - in Rausch der Verwandlung
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und eben zieht er – er hat sich noch unbeachtet gemeint, den Havelock mit
einer Bewegung zusammen, als ob ihn friere. Mitleid ergreift sie: »Ich
komme bald wieder herein«, sagt sie, »wahrscheinlich schon nächsten
Sonntag. Und wenn Sie dann Zeit haben … «
»Ich habe immer Zeit. Und es ist so ziemlich das einzige, was ich habe, und
das im Überfluß, aber ich möchte nicht … Ich möchte nicht … « Er stockt.
»Was möchten Sie nicht?«
»Ich möchte nicht … ich meine nur … nicht daß Sie sich meinetwegen
inkommodieren … Sie waren so gut zu mir … ich weiß, es ist kein
Vergnügen, mit mir zu sein … Aber vielleicht schon im Zuge oder morgen
sagen Sie sich, wozu sich da anhalten lassen von fremdem Gejammer, ich
weiß, mir geht es selbst so – höre zu und es ergreift mich, wenn jemand mir
was Schweres von seinem Leben erzählt; aber dann, wenn er weg ist, sage ich
mir: hole ihn der Teufel, was packt er mir noch seine Sorgen auf, wir haben
genug jeder an uns selbst … Also nicht, daß Sie sich zwingen oder sich
denken, dem muß man helfen, ich mach’ es schon allein mit mir aus … «
Christine sieht weg. Sie kann es nicht vertragen, ihn anzusehen, wenn er so
gegen sich selbst wütet. Es quält sie. Aber er mißversteht ihre Bewegung. Er
meint, sie sei beleidigt, und sofort kommt klein und schüchtern wieder die
zweite, die Knabenstimme der zornigen und bösen nach. »Ich meine
natürlich … es würde mich sehr freuen … aber ich dachte nur für den Fall …
ich wollte damit nur sagen … «
Er stammen ganz unsicher und versucht sie anzusehen mit einem kindlich
bestürzten Gesicht, das um Verzeihung bittet. Und sie begreift sein Stammern,
sie versteht, daß dieser harte, leidenschaftliche von Scham verbogene Mensch
sie bitten will, wiederzukommen, und daß er doch nicht den Mut hat.
Etwas wächst jetzt in ihr mächtig auf, mütterliche Wärme und Mitleid
zugleich, ein Bedürfnis, diesen so wild Demütigen zu trösten, seinen harten
Stolz zu wölben mit irgendeiner Geste, mit irgendeinem Wort. Am liebsten
würde sie ihm über die Stirn streichen oder sagen: »Sie dummer Bub«, aber
sie fürchtet sich, weil er so verletzlich ist. Aus Verlegenheit sagt sie: »Es tut
mir leid – aber ich glaube, ich muß jetzt wirklich schon gehen.«
»Tut es Ihnen … tut es Ihnen wirklich leid?« Trotzig fragt er sie und sieht
sie verlangend an, und dabei ist in seinem hilflosen Dastehn schon die
Verzweiflung des Alleinseins, er steht schon da, sie fühlt es voraus, allein in
der Halle, verzweifelt nachsehend dem Zug, der sie fortträgt, allein in der
Stadt, allein in der Welt, und sie spürt, wie er mit dem ganzen Gewicht seines
Gefühls an ihr hängt. Erschüttert spürt die Frau, spürt der Mensch in ihr sich
zum erstenmal wieder begehrt und tiefer begehrt als von irgend jemand
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Buch Rausch der Verwandlung"
Rausch der Verwandlung
- Titel
- Rausch der Verwandlung
- Autor
- Stefan Zweig
- Datum
- 1982
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 204
- Kategorien
- Weiteres Belletristik