Page - 171 - in Rausch der Verwandlung
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und wolle sie nur rasch los haben. Aber das erzählt sie Ferdinand nicht, wozu
ihn entmutigen, der selbst so entmutigt ist. Und auch nicht, daß sie sich ein
Los gekauft hat, von dem sie, wie alle Armen, das Wunder erhofft. Sie lügt
ihn lieber an, sie habe ihrer Tante geschrieben, ob sie ihr nicht helfen könne
zu einem Beruf oder sie mit hinüber nach Amerika nehmen, dann würde sie
ihn mitnehmen und ihm drüben eine Stellung verschaffen, dort brauche man
ja tüchtige Leute. Er hört zu und glaubt ihr nicht, so wie sie ihm nicht glaubt.
So sitzen sie leer herum, die Freude wie weggewaschen vom Regen, die
Augen verdunkelt von der Dunkelheit und wissen um die völlige
Ausweglosigkeit. Dann wieder erzählen sie einander von Weihnachten und
vom Nationalfeiertag, da habe sie zwei Tage frei, da wollten sie irgendwohin
gemeinsam hinausfahren, aber das war weit im November, weit im Dezember
und noch lange, leere, hoffnungslose Zeit.
So täuschen sie sich mit Worten, aber im Tiefsten täuschen sie sich nicht,
sie wissen beide, wie fragvoll es ist, in einem lärmenden Raum unter
Menschen zu sitzen, wenn man allein sein will, und leise lügenhafte Dinge zu
erzählen, während Leib und Seele nach Wahrheit und tiefer Vertraulichkeit
begehren.
»Nächsten Sonntag wird es gewiß schön sein«, sagt sie, »der Regen kann ja
nicht immer dauern.«
Und: »Ja«, antwortet er, »es wird sicher schön sein.« Aber beide haben sie
nicht den Mut mehr, sich zu freuen, sie wissen, daß der Winter kommt, der
Feind der Heimatlosen, und wissen, es wird nicht besser werden mit ihnen.
Von Sonntag zu Sonntag warten sie auf ein Wunder, aber es geschieht kein
Wunder, sie gehen nur nebeneinander, essen zusammen und reden zusammen,
und dies Beisammensein wird allmählich mehr Qual als Lust. Einige Male
streiten sie miteinander und wissen dabei selbst, es ist nicht Zorn eines gegen
den andern, sondern Zorn gegen das Sinnlose, dem sie verfallen sind, und sie
schämen sich einer vor dem andern; die ganze Woche freuen sie sich auf den
gemeinsamen Tag, und am Sonntagabend spüren sie immer, daß etwas in
ihrem Leben falsch und widersinnig ist. Die Armut erdrückt beinahe ganz die
Leidenschaft ihres Gefühls, und sie ertragen ihr Beisammensein und ertragen
es doch nicht.
An einem griesligen Novembertag, ein mattes Mittaglicht hinter den
schlecht geputzten Scheiben des Dienstraums, sitzt Christine vor ihrem Pult
und rechnet. Es geht eng aus mit ihrem Gehalt, seit sie jeden Sonntag nach
Wien fährt; die Fahrkarte, Kaffeehäuser, die Straßenbahn, das Mittagessen,
die Kleinigkeiten, all das summiert sich. Ein Schirm ist ihr zerrissen worden
beim Einsteigen, einen Handschuh hat sie verloren, und schließlich doch
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Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik