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Rausch der Verwandlung
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und wolle sie nur rasch los haben. Aber das erzählt sie Ferdinand nicht, wozu ihn entmutigen, der selbst so entmutigt ist. Und auch nicht, daß sie sich ein Los gekauft hat, von dem sie, wie alle Armen, das Wunder erhofft. Sie lügt ihn lieber an, sie habe ihrer Tante geschrieben, ob sie ihr nicht helfen könne zu einem Beruf oder sie mit hinüber nach Amerika nehmen, dann würde sie ihn mitnehmen und ihm drüben eine Stellung verschaffen, dort brauche man ja tüchtige Leute. Er hört zu und glaubt ihr nicht, so wie sie ihm nicht glaubt. So sitzen sie leer herum, die Freude wie weggewaschen vom Regen, die Augen verdunkelt von der Dunkelheit und wissen um die völlige Ausweglosigkeit. Dann wieder erzählen sie einander von Weihnachten und vom Nationalfeiertag, da habe sie zwei Tage frei, da wollten sie irgendwohin gemeinsam hinausfahren, aber das war weit im November, weit im Dezember und noch lange, leere, hoffnungslose Zeit. So täuschen sie sich mit Worten, aber im Tiefsten täuschen sie sich nicht, sie wissen beide, wie fragvoll es ist, in einem lärmenden Raum unter Menschen zu sitzen, wenn man allein sein will, und leise lügenhafte Dinge zu erzählen, während Leib und Seele nach Wahrheit und tiefer Vertraulichkeit begehren. »Nächsten Sonntag wird es gewiß schön sein«, sagt sie, »der Regen kann ja nicht immer dauern.« Und: »Ja«, antwortet er, »es wird sicher schön sein.« Aber beide haben sie nicht den Mut mehr, sich zu freuen, sie wissen, daß der Winter kommt, der Feind der Heimatlosen, und wissen, es wird nicht besser werden mit ihnen. Von Sonntag zu Sonntag warten sie auf ein Wunder, aber es geschieht kein Wunder, sie gehen nur nebeneinander, essen zusammen und reden zusammen, und dies Beisammensein wird allmählich mehr Qual als Lust. Einige Male streiten sie miteinander und wissen dabei selbst, es ist nicht Zorn eines gegen den andern, sondern Zorn gegen das Sinnlose, dem sie verfallen sind, und sie schämen sich einer vor dem andern; die ganze Woche freuen sie sich auf den gemeinsamen Tag, und am Sonntagabend spüren sie immer, daß etwas in ihrem Leben falsch und widersinnig ist. Die Armut erdrückt beinahe ganz die Leidenschaft ihres Gefühls, und sie ertragen ihr Beisammensein und ertragen es doch nicht. An einem griesligen Novembertag, ein mattes Mittaglicht hinter den schlecht geputzten Scheiben des Dienstraums, sitzt Christine vor ihrem Pult und rechnet. Es geht eng aus mit ihrem Gehalt, seit sie jeden Sonntag nach Wien fährt; die Fahrkarte, Kaffeehäuser, die Straßenbahn, das Mittagessen, die Kleinigkeiten, all das summiert sich. Ein Schirm ist ihr zerrissen worden beim Einsteigen, einen Handschuh hat sie verloren, und schließlich doch 171
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Rausch der Verwandlung
Titel
Rausch der Verwandlung
Autor
Stefan Zweig
Datum
1982
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
204
Kategorien
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