Page - 180 - in Rausch der Verwandlung
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hast du Angst. So verknechtet sind wir, so tief steckt es uns schon im Blut. Es
ist wirklich Zeit, frei zu werden von all dem Unsinn. Willst du wirklich noch
hinübergehen?«
»Ja«, sagt sie, »es ist besser so. Ich möchte noch zuvor alles in Ordnung
bringen. Es ist dumm, aber ich weiß nicht … es wird mir dann leichter sein,
wenn ich alles zurechtgemacht habe und noch ein paar Briefe geschrieben.
Und dann … wenn ich heute da drinnen bin, bis abends um sechs Uhr, dann
ahnt es niemand und sucht mich niemand. Und abends fahren wir nach Krems
oder nach St. Pölten oder nach Wien. Ich habe noch Geld für ein gutes
Zimmer, und wir essen zu Abend und leben einmal so, wie wir wollen … nur
schön soll es sein, ganz schön und morgen früh, wenn sie uns dann finden,
das ist dann alles gleichgiltig. Um sechs Uhr holst du mich dann ab, jetzt liegt
ja nichts mehr daran, wenn sie mich sehen, sollen sie reden, sollen sie denken,
was sie wollen … Dann sperre ich die Tür zu hinter mir und hinter allem,
allem … Dann bin ich frei … dann sind wir wirklich frei.«
Er blickt sie immer wieder an, diese unvermutete Festigkeit beglĂĽckt ihn.
»Ja«, sagt er, »ich komme um sechs Uhr. Bis dahin gehe ich spazieren und
schaue mir noch einmal die Welt an. Also – auf Wiedersehen.«
Heiter, leicht wie noch nie, läuft sie rasch den Passionsweg hinunter und
blickt noch einmal zurĂĽck. Er steht da, sieht ihr nach, dann zieht er sein
Taschentuch und winkt ihr. »Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!«
Christine geht in ihr Amt. Plötzlich ist alles leicht. Nicht länger mehr
feindselig warten die Gegenstände, Schreibtisch, Sessel, Pult, Waage, Telefon
und das gehäufte Papier. Sie höhnen nicht stumm und boshaft ihr:
»Tausendmal, tausendmal, tausendmal«, denn sie weiß, die Tür steht offen,
ein Schritt und sie wird frei sein.
Eine wunderbare Ruhe ist plötzlich in ihr, eine heitere Ruhe wie die einer
Wiese, wenn es Abend wird und schon die Schatten ĂĽber sie fallen. Alles geht
ihr leicht von der Hand und wie im Spiel. Sie schreibt ein paar Briefe, einen
an die Schwester, einen ans Amt, einen an Fuchsthaler, um Abschied zu
nehmen, und wundert sich selbst, wie klar ihre Schrift ist, wie jede Zeile
beginnt, genau ĂĽber der andern, kalligraphisch ist der Abstand gewahrt von
Wort zu Wort. So sauber wie in den Schultagen die Hausarbeiten, die sie
unbewuĂźt schrieb. Dazwischen kommen Leute, geben Briefe auf, wollen
telefonisch verbunden sein, stapeln Pakete, zahlen Geld ein. Und mit
besonderer Sorgfalt und Höflichkeit erledigt sie jede Handreichung.
UnbewuĂźt ist schon in ihr der Wille, diese fremden, gleichgiltigen Leute, der
Thomas, die Huberbäuerin, der Forstadjunkt, der Lehrbub von der Kramerei,
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Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik