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Rausch der Verwandlung
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hast du Angst. So verknechtet sind wir, so tief steckt es uns schon im Blut. Es ist wirklich Zeit, frei zu werden von all dem Unsinn. Willst du wirklich noch hinübergehen?« »Ja«, sagt sie, »es ist besser so. Ich möchte noch zuvor alles in Ordnung bringen. Es ist dumm, aber ich weiß nicht … es wird mir dann leichter sein, wenn ich alles zurechtgemacht habe und noch ein paar Briefe geschrieben. Und dann … wenn ich heute da drinnen bin, bis abends um sechs Uhr, dann ahnt es niemand und sucht mich niemand. Und abends fahren wir nach Krems oder nach St. Pölten oder nach Wien. Ich habe noch Geld für ein gutes Zimmer, und wir essen zu Abend und leben einmal so, wie wir wollen … nur schön soll es sein, ganz schön und morgen früh, wenn sie uns dann finden, das ist dann alles gleichgiltig. Um sechs Uhr holst du mich dann ab, jetzt liegt ja nichts mehr daran, wenn sie mich sehen, sollen sie reden, sollen sie denken, was sie wollen … Dann sperre ich die Tür zu hinter mir und hinter allem, allem … Dann bin ich frei … dann sind wir wirklich frei.« Er blickt sie immer wieder an, diese unvermutete Festigkeit beglückt ihn. »Ja«, sagt er, »ich komme um sechs Uhr. Bis dahin gehe ich spazieren und schaue mir noch einmal die Welt an. Also – auf Wiedersehen.« Heiter, leicht wie noch nie, läuft sie rasch den Passionsweg hinunter und blickt noch einmal zurück. Er steht da, sieht ihr nach, dann zieht er sein Taschentuch und winkt ihr. »Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!« Christine geht in ihr Amt. Plötzlich ist alles leicht. Nicht länger mehr feindselig warten die Gegenstände, Schreibtisch, Sessel, Pult, Waage, Telefon und das gehäufte Papier. Sie höhnen nicht stumm und boshaft ihr: »Tausendmal, tausendmal, tausendmal«, denn sie weiß, die Tür steht offen, ein Schritt und sie wird frei sein. Eine wunderbare Ruhe ist plötzlich in ihr, eine heitere Ruhe wie die einer Wiese, wenn es Abend wird und schon die Schatten über sie fallen. Alles geht ihr leicht von der Hand und wie im Spiel. Sie schreibt ein paar Briefe, einen an die Schwester, einen ans Amt, einen an Fuchsthaler, um Abschied zu nehmen, und wundert sich selbst, wie klar ihre Schrift ist, wie jede Zeile beginnt, genau über der andern, kalligraphisch ist der Abstand gewahrt von Wort zu Wort. So sauber wie in den Schultagen die Hausarbeiten, die sie unbewußt schrieb. Dazwischen kommen Leute, geben Briefe auf, wollen telefonisch verbunden sein, stapeln Pakete, zahlen Geld ein. Und mit besonderer Sorgfalt und Höflichkeit erledigt sie jede Handreichung. Unbewußt ist schon in ihr der Wille, diese fremden, gleichgiltigen Leute, der Thomas, die Huberbäuerin, der Forstadjunkt, der Lehrbub von der Kramerei, 180
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Rausch der Verwandlung
Titel
Rausch der Verwandlung
Autor
Stefan Zweig
Datum
1982
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
204
Kategorien
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