Page - 203 - in Rausch der Verwandlung
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Zusammenfassung
Wir unternehmen dieses Wagnis und setzen dafür unser Leben ein, um frei zu
leben, zumindest eine Zeitlang. Zu diesem Begriffe der Freiheit gehört auch
menschliche Freiheit gegeneinander. Sollte aus innern oder äußern Gründen
einem von uns beiden das Zusammenleben drückend oder unerträglich sein,
so soll er sich klar von dem andern lösen. Jeder von uns unternimmt dieses
Wagnis aus freiem Entschluß ohne Nötigung und ausgeübten Zwang auf den
andern, jeder ist nur vor sich selbst verantwortlich, keiner darf je darum dem
andern äußerlich oder innerlich einen Vorwurf machen. So wie wir das Geld
von der ersten Minute an teilen, damit jeder frei bleibt, teilen wir auch die
Verantwortung, die Gefahr, und übernehmen jeder für sich die Konsequenzen.
Für die ganze zukünftige Gestaltung bleibt dies die Verantwortung vor uns
selbst, daß wir in jedem Augenblick die Überzeugung haben, nichts
Unrechtes gegen den Staat und gegeneinander getan zu haben, sondern nur
das einzige, was in unserer Situation das Richtige und Natürliche war. Mit
schlechtem Gewissen uns in eine solche Gefahr zu wagen, wäre sinnlos. Nur
wenn jeder von uns, unabhängig vom andern, nach reiflicher Erwägung zu der
Überzeugung kommt, daß dieser Weg der einzige und richtige ist, dürfen und
müssen wir ihn einschlagen.
Sie legt die Blätter hin und sieht auf. Er ist zurückgekommen und raucht
eine Zigarette. »Lies es noch einmal durch.« Sie gehorcht, und erst als sie es
noch einmal gelesen hat, fragt er sie: »Ist alles klar und übersichtlich?«
»Ja.«
»Fehlt dir irgend etwas darin?«
»Nein, ich glaube, du hast an alles gedacht.«
»An alles? Nein« – er lächelt –, »etwas habe ich vergessen.«
»Was?«
»Ja, wenn ich das wüßte. Etwas fehlt in jedem Plan. Irgendeine offene Naht
ist bei jedem Verbrechen, man weiß nur im voraus nicht, welche. Jeder
Verbrecher, so raffiniert er ist, begeht fast immer einen kleinen winzigen
Fehler. Er räumt alle seine Papiere weg, nur seinen Paß läßt er liegen; er
berechnet alle Widerstände, nur den offenkundigsten und
selbstverständlichsten übersieht er. Immer vergißt jeder an etwas. Und
wahrscheinlich habe auch ich das wichtigste zu denken vergessen.«
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Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik