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gefühltundSiemögensichdenken,wiedrückendesmir ist, einzelneGedichte,dieSie für
mein Empfinden restlos vollendet gegeben haben, durch andere Versuche darzustellen
oder(waswahrscheinlichist)beiSeite lassenzumüssen.
Ichwage danatürlich nicht, Sie umstimmen zuwollen undpersönlicheArgumente gegen
die Ihren zu stellen, die, solange Ihr Empfinden vorhält, selbstverständlich einzigmaßge-
bendesind. Ichwillnurwiederholen,dass ichIhrFernbleibensosehrbedauerealsmöglich
undeinedemUnternehmenfreundlichereAuffassung–etwadie insichgeschlosseneNach-
dichtungeines einzelnenGedichtkreises– sehrbegrüßenwürde.Die anSie ergangeneund
sehr aufrichtig gemeinte Bitte um IhreMithilfe bleibt beimir bestehen und ichwäre sehr
erfreut, fände sich doch eine Form, die sie Ihnen wünschenswert macht. Mit den besten
EmpfehlungenIhrsehrergebenerStefanZweig.210
DieserBriefmusseinenSinneswandelherbeigeführthaben,daSchaukal (ineiner
nichterhaltenenAntwort)zusagte,gleichzeitigaberauchseinenWunschmitteilte,
die älteren Übertragungen vollständig zu erneuern. Damit dürfte wiederum der
unter Zeitdruck stehendeHerausgeber nicht einverstanden gewesen sein, wie in
derAntwortvom13.Mai1914zwischendenZeilendurchklingt:
Sehr verehrter Herr Doktor [. . .]. Ich bewundere sehr Ihre Unduldsamkeit gegen sich
selbst: mir erschienen die Übertragungen fast alle vollendet und ich staune eigentlich,
dassSienochmals sieneumachenwollen [. . .]. DieÜbertragungen stellen sich jetzt lang-
samein, ichhoffebaldÜbersichtzuhabenfürWahlundWunsch.211
NachdemSchaukal seineZusagezurMitarbeit erneutzurückgezogenhatte, rea-
gierte Zweig am 25.Mai 1914mit einem langen, emotionalen Brief. Er gestand
darin, vomPlan der Ausgabe anfangs selbst nicht begeistert gewesen zu sein.
Doch als er sich die erfolgreiche Anthologie aus dem Jahr 1902 in Erinnerung
gerufen habe, sei in ihmdieÜberzeugung gereift, dass sich auchÜbersetzun-
gen durch einen ästhetischen Wert auszeichnen könnten. Um dem französi-
schen Dichter gerecht zu werden und um zu zeigen, „wo unsere deutsche
Sprachkunst in unserem Jahrhundert steht“, habe er die Anfrage des Insel-
Verlagsangenommen.Wie sehrZweigüberSchaukalsästhetischeOrientierung
informiertwar, beweist dieNennungder Schlegel-Tieck-ÜbersetzungenShake-
peares, die für dessen translatorisches Selbstverständnis prägend waren. Sie
würdeneindrucksvoll demonstrieren,wie erst das ZusammenwirkenvonDich-
terndieFähigkeitendesEinzelnenübertreffe:
Dasnunmöchte ichandiesemProblemVerlaine erproben–Siewissen selbst, dass es im
LyrischenkeinenbesserenPrüfsteingibt.EinerprinzipiellenAblehnungderMitarbeitkann
ichmich natürlich nicht verschließen. Nicht der Georges, der niemals seine Verse anders
210 BriefZweigsanSchaukal, 5.Mai 1914,S-NL,WB.
211 BriefZweigsanSchaukal, 13.Mai 1914,S-NL,WB.
4 Übersetzer-undAnthologiennetzwerke 145
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik