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als ineigenerAusgabeseitdemerstenTagegabundgibt;nichtderHofmannsthals,derdie
einmalige Ăśbersetzung eines Gedichtes als einWunder derWiedergeburt betrachtet und
solcheWundernichtdurchdenWillenerzeigtwissenwill.Wohlabermöchte ichmichder
Ihrenentgegenstellen,dennIhrWerk istda,SiehabeneinigesvonVerlaineunĂĽbertrefflich
gegeben, könnenaber doch andererseits niemals den ganzenVerlaine inhöchster vollen-
detster Form geben – einfach schon deshalb, weil z.B. die Gedichtübertragung Dehmels
„AnGott“unübertrefflich ist,weilda jenesHöchste,dasWunder,schoneinmalerreicht ist,
das ein zweitesmalnicht geschieht. Siehabenden französischenVerlaine in IhreFormge-
gossen,ganzdaraufdieGlut IhreseigenenSprachwillensgetrieben[...].212
Zweig versicherte Schaukal, dass er seine Verlaine-Übertragungen als „Ursub-
stanz“ begreife, anhand derer die deutsche literarische Sprache um 1900
exemplifiziertwerdenkönne:
[D]enn Sie als Dichter sind doch beides, Ihre Persönlichkeit und doch gleichzeitig auch
einStĂĽckcrystallisiertenSprachgeistesunseres Jahrhunderts.Undda ichdieEssenzaller
deutschen lyrischenMelodie, die Synthese der sprachlichenErrungenschaft unserer Zeit
gerne ganz gebenmöchte, würde ich Ihr Fernbleiben um dieser Gemeinsamkeit willen
doppeltbedauern.213
Unddannverleiht er der anfangs ästhetisch fundiertenBittemit einer unmiss-
verständlichenWarnungbesonderenNachdruck:
Es soll,wie ich’smir denke, ein repräsentativesWerk seinund ich gebe Ihnenwillig zu,
dass IhrFernbleibendemonstrativwirkenwürde. Ichwerde indiesemFallenicht zögern,
imNachwortmeinBedauern zu sagen, dass Sie undGeorgeuns fehlen: einGedicht von
Ihnenwird (ich scheue nicht, es Ihnen zu verraten berdies dochnoch in einemnachge-
stellten Aufsatz vonmir abgedruckt sein, in dem ich, die Principien der Auslese erhär-
tend, voneinemGedicht (La luneblanchealleVersionenderĂśbertragung, also auchdie
George und die Ihre citiere [sic!]. So wird damit erstaunlicher Vielfalt dargestellt sein,
wieverschiedenartigeinunddasselbeGedichtwerdenkann.Sie sehenalso,dass ichkei-
neswegs, auch imFalle der Ablehnung nicht, Ihre Ăśbertragung alsWerk herabzusetzen
oderzuverschweigengedenke: imGegenteil.
[. . .] DasNiveauwird selbstverständlich ein anderes seinwie vor 10 Jahren–Rilke,Voll-
moeller,Werfel, AlfredKerr, Ernst Stadler, Ludwig Fulda, Carossa, Pagnet, und einpaar
Jüngere haben schon rege neueMithilfe zugesagt und sich heroisch bereit erklärt, even-
tuelle Refus zu erdulden. Von den vielen bösen Übertragungen der früheren Ausgabe
bleibt nichts– schließlich bin ichdochnichtmehr zwanzig Jahre alt und sehemich an-
ders unterstĂĽtzt wie damals, woDehmel, Henckell, Schlaf, Hauser und Sie die einzigen
Pfeiler waren, auf die ich das ganze Gebäude aufbaute, meine Honorarvorstellung 100
Markumfasste, indess [sic!] sieheuteein[e]wesentlichandereseinwird [. . .].
212 BriefZweigsanSchaukal, 25.Mai 1914,S-NL,WB.
213 BriefZweigsanSchaukal, 25.Mai 1914,S-NL,WB.
146 III Schaukal inNetzwerkenundFeldernderModerne
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik