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Kartenverkaufs für denSchaukal-Abend sei. Dieser beklagte sichbei Essigmann
überSchaukalsEigenheit,nureineLesunganberaumenundvonWerbemaßnah-
mengänzlichabsehenzuwollen.Essigmannversuchte,denFreundvonderNot-
wendigkeitderReklamezuüberzeugen,schließlichwerdeselbst im„Judenblatt“,
wie er dasWiener Journal bezeichnete, eine Anzeige geschaltet. Außerdem for-
derte er Schaukal auf, eine Lesetournee durch die „Tschechei“ (Brünn, Prag,
Troppau) in Betracht zu ziehen. Der befreundete Dichter und Publizist drängte
demProtegéseineVermittlerdienstemitallemNachdruckauf:
Dieser Zufall, dass IhrManager ein alterKameradvonmir ist unddassSieunder einan-
der gefunden haben, ohnemeine Zuthun, erscheint mir wie eine Fügung Gottes. Denn
nunkann ichmeineDienste als Puffer anbieten. [. . .] Sie halten vielleicht einen solchen
Puffer überhaupt für überflüssig. Ich aber nicht! Sie sind in Punkto Berührungmit der
Öffentlichkeit heikler zubehandeln als ein rohesEi.Unddazukommt, dass Sie in Ihrem
tiefsten Innerndoch immer die größte undbreitesteÖffentlichkeit ersehnen, obwohl Sie
sie (undmitRecht)verachtenundverachtenkönnen.279
Die Dichterlesung in der Secession verlief nicht sonderlich zufriedenstellend,
einige der Besucher verließen bereits vor Veranstaltungsende den Saal. Essig-
mannbegründetediesmit derGrößedesRaumes, der schlechtenAkustik, den
zu hohen Eintrittspreisen und einem Programmfehler.280 Ein anwesender Re-
dakteur schilderte seine Eindrücke des Abends im Neuen Wiener Journal
folgendermaßen:
Mansahvor sich einen sehr soigniertenHerrn, der inzwischenHofrat geworden ist, eine
Gestalt wie aus einer Brummelästhetik [sic!], mit eingeklemmtemMonokel und einem
eben so sonorenwieherrischemOrgan. Fürdie schönenGedichte konntemansichherz-
licherwärmen;siesindzuweilenvonersterQualität.„Balthesser“wirkteschoneinwenig
wie vieux jeu. Einige schöne Lieder sang Frau Gutheil-Schoder mit großer Anmut und
Intelligenz.281
DiewechselseitigeÜberlagerung von diversen fiktivenwie realenDandytypolo-
gien, vonGeorge Brummell (1778–1840) über Andreas vonBalthesser bis zuRi-
chard Schaukal, war Teil der durchdachten Performance des Vortragenden. Ihr
Effekt verfehlte seineWirkung zumindest auf denVerfasser des kurzenArtikels
imNeuenWiener Journal nicht. Allerdings vertrat der Autor auch die geläufige
279 Brief Essigmanns an Schaukal, 25. Januar 1922, S-NL, WB; Hervorh. im Orig. als Unter-
streichung.
280 Vgl.dieBriefeEssigmannsanSchaukalvom25. Januar1922und3.Februar1922,S-NL,WB.
281 [Anon.]:VortragsabendRichardSchaukal. In:NeuesWiener Journal,Nr. 10145 (3.Februar
1922),S.8. 5 Vereine,VerbändeundOrganisationen 163
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik