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Meinung,dassnurSchaukalsLyrikĂĽberdauernwerdeunddassdieLesungeiner
nostalgischen Inszenierung gleichgekommen sei. „Schaukal gehört der Reihe
jenerWiener Dichter an, die in den neunziger Jahren als Neutöner auftraten“,
heiĂźt es schon imerstenSatz.AuchbringtderArtikeldieVerbindungvonsozia-
lerSubjektivierungundpoetischerVerortungzurSprache:
Zu seinen aphoristischen Sachen zeigte er einen gewissen aristokratischen wie Kultur-
hochmut. So kamdieser geistvoll soignierte Schriftsteller auf die Seite der Eigenbrötler.
IndieserHaltungschrieber seinBuchvomHerrnv.Balthesser.Es istdies jetzt eineGeste
vonvorgestern,derAesthetizismuseiner jetztgealtertenGeneration.282
MitBlickaufdieDichterlesung inderSecession tritt derWiderspruchzwischen
Schaukals Elitebewusstsein und den geläufigen Marktmechanismen zutage.
Immer wieder drängten ihn die sehr viel pragmatischer denkenden Freunde,
Hilfe anzunehmen, um seine Handlungspläne, die in den 1920er Jahren ver-
mehrt mit der Akquise von ökonomischem Kapital gleichbedeutend sind, zu
erfĂĽllen.
GeradederBriefwechselmitEssigmannverdeutlichtSchaukalszunehmend
prekäre Situation. In den Briefen vom 15. und 20. August 1919 besprechen sie
die Brennholzbeschaffung für den „unter Heizkalamitäten“ leidenden Freund,
wie sich Essigmanndiskret ausdrückt.283 Der einstige Förderer und finanzielle
UnterstĂĽtzer wurde mehr und mehr selbst zum Bittsteller. 1936 wandte sich
Schaukal mit der Bitte um finanzielle UnterstĂĽtzung an Theodor Herzmansky
(1900–1974), einen Freund seines Sohnes Wolfgang und wie dieser Schüler
AntonKoligs. In einemzweitenBrief nahmer dasAnsuchen beschämtwieder
zurĂĽck.284 Auch soziale Rendite bezog Schaukal zu dieser Zeit nur noch aus
dem nostalgischen Kapital. Am 17. November 1940 suchte seinerseits Herz-
mansky Schaukals Kontakt, da er den Altwien-Film Ein Leben langmit Paula
Wessely (1907–2000) gesehen hatte und an die Zeit vor demErstenWeltkrieg
erinnertwordenwar. Schaukal, soHerzmanskyein JahrnachBeginndesZwei-
ten Weltkrieges, sei für ihn das „Symbol“ und „Wahrzeichen“ einer glückli-
cherenEpoche.285
Die ökonomischen Misslichkeiten dürften von der Öffentlichkeit zunächst
unbemerkt geblieben sein. Schaukal verkörperte auch nach Ende des Ersten
WeltkriegesnochdenaltösterreichischenHofratstypus, sodasNeueWiener Jour-
282 [Anon.]:VortragsabendRichardSchaukal.
283 BriefEssigmannsanSchaukal, 11.Dezember1918,S-NL,WB.
284 Vgl.denBriefHerzmanskysanSchaukal, 12.August 1936,S-NL,WB.
285 BriefHerzmanskysanSchaukal, 17.November1940,S-NL,WB.
164 III Schaukal inNetzwerkenundFeldernderModerne
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik