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zeigte.336 1902 setzte derBriefwechsel Schaukals sowohlmit Kubinals auchmit
Hans vonMüller ein. Das Bindeglied zwischen Kubin und Schaukal war Franz
Blei, wie Schaukal 1903 in einem Kubin gewidmeten Aufsatz vermerkt.337 Blei
vermittelteauchHansvonMüllerandenInsel-Verlag inLeipzig,wodiesereben-
falls 1903DasKreislerbuchveröffentlichte.338
Wie entscheidend gerade die künstlerische Szene in München für Schau-
kals Vernetzung im Neuromantik-Kreis war, belegt die von Blei ausgehende
undvonKubinüberbrachteAufforderung,derFreundmöge imdortigenAkade-
mischenVerein fürbildendeKünsteeinenVortragüber ihnhalten.339
Der 40 JahrewährendeBriefwechsel zwischenSchaukal undKubin ist von
gegenseitiger künstlerischerWertschätzung und derselben skeptisch-solitären
Attitüde geprägt.340 In den ersten beiden Jahren sinddie Briefe Kubins, der in
dieserZeit seineEhefrauverlorundunter finanziellenNöten litt,melancholisch
unddüster.DieWesensverwandtschaft derKorrespondenzpartner lässt sich an
Aussagen wie dieser bemessen: „Hier hat gestern der Carneval angefangen
[. . .], eine fette Zeit für jeden Pessimisten. [. . .] [J]e lustiger es zugeht um so
ärgerblick ichundmeinHass,eineunmenschlicheWuthgegendieseverbuhlte
Bande [. . .]–einfach jederMensch istmeinpersönlicherFeind.“341
Die pessimistische Grundstimmung in Kubins Briefen hellte sich ein Jahr
später wieder auf, als er erneut heiratete und sich seine finanzielle Situation
aufgrund künstlerischer Erfolge zu bessern begann. Zu dieser Zeit machte er
Hans vonMüller mit Schaukal bekannt; beide beschäftigten sich intensivmit
Hoffmann und ließen sich von diesem zu literarischen Adaptionen inspirie-
ren.342Kubinnahman ihremWerk regenAnteil.AlsSchaukal ihmdieBefürch-
tungmitteilte, der anerkannte Experte könnte ob seiner 1904 veröffentlichten
Hoffmann-Studie indigniert sein, zumal er keine Reaktion auf die anMüller
gesandtenWerke erhaltenhatte, beruhigte ihnderMaler.343Kubin zählte zu
336 Diesen Hinweis verdanke ich Karl Koweindls Kommentar zum unveröffentlichten Brief-
wechselKubin–Schaukal.
337 Vgl. Schaukal: Ein österreichischer Goya. In:Wiener Abendpost. Beilage zurWiener Zei-
tung,Nr. 2/1903 (3. Januar 1903),S. 7.
338 Das Kreislerbuch. Texte, Compositionen und Bilder von E.T.A. Hoffmann. Zusammenge-
stellt vonHansvonMüller.Leipzig1903.
339 ZueinemsolchenVortragdürftees jedochnichtgekommensein;vgl.denBriefKubinsan
Schaukal, 17.November1902,S-NL,WB.
340 Vgl.Koweindl:AlfredKubinundRichardvonSchaukal.
341 BriefKubinsanSchaukal,8. Januar1903,S-NL,WB.
342 Vgl. Schaukal: Kapellmeister Kreisler. DreizehnVigilien aus einemKünstlerdasein.Mün-
chen/Leipzig1906.
343 Vgl.denBriefKubinsanSchaukal, 16.November1904,S-NL,WB.
178 III Schaukal inNetzwerkenundFeldernderModerne
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik