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Brods erster Brief an Schaukal datiert auf den 19. Februar 1906,wobei der
gemeinsameFreundHugoSalus als Referenz für die Kontaktaufnahmediente.
DerBriefwechselmit Brodähnelt demmitHermannHesseund ist für dieAna-
lyse von Schaukals Selbstverständnis als Schriftsteller und für seine Reaktion
auf ein Stagnieren im literarischen Feld äußerst aufschlussreich. Wie Hesse
suchteauchBrod inSchaukal einenästhetischenVerbündeten,der alsKritiker
in der Lagewar, seine Dichtkunst zu propagieren. Beidewandten sich zu Be-
ginn ihrer Korrespondenzen verehrungsvoll an den Vermittler und Förderer
Schaukal, mit dem eine kognitive sowie ästhetische Basis bestand, die sich
auf den Begriff Neuromantik subsumieren lässt. Bald überflügelten sie aber
Schaukals Reputation, wodurch sich die Haltung der Briefeschreiber zueinan-
der merklich wandelte. Schließlich endeten jene Korrespondenzen zu einer
Zeit, als SchaukalsdichterischeErfolge insgesamtzurückgingenundsichseine
Netzwerkeausdünnten.356
ImZugeseinerKontaktaufnahmezuSchaukalbedankte sichMaxBrodAn-
fangSeptember1906 fürdessen„braunäugigeZeilen, [. . .] [die] indiesenTagen
der Einsamkeit und schwülen Kühle wie Melodien gekommen [sind].“ Damit
dürfte er den richtigenTon angeschlagenhaben. Bescheiden fuhr er fort, dass
es bisher still um ihn und um seinWerk gewesen sei, umdann zu ergänzen:
„EswirdSievielleicht interessieren,daßBlei,Meier-Graefe,Zweig, JosefPopper
ähnlich geurteilt haben [über Brods literarischeQualität, CM]wie Sie“ – aller-
dingsnichtöffentlich, sondern„inBriefenanmich . . .“.357
Der Kontakt zu Brod sollte sich für Schaukal bald schon bezahltmachen,
publizierte dieser doch 1906 eine Rezension der Novelle Kapellmeister Kreis-
ler358undkurzeZeit spätereineBesprechungder1907publiziertenEssaysamm-
lungMietwohnung inderBerlinerGegenwart.359 Schaukals StudieüberRichard
Dehmels Lyrik diente Brod zudem als Quelle für einen Vortrag in der Prager
Kunstausstellung.360 Gleichzeitig entstanden die ersten, für Schaukals Habitus
und Vorgehen als Briefeschreiber so bezeichnenden Spannungen. Schaukal be-
gann,DebattenüberKunstund ‚Rassenpsychologie‘zuentfachenunddieproduk-
tiven Fähigkeiten jüdischer Künstler generell infrage zu stellen. Brod reagierte
versöhnlich, wehrte sich aber gegen die ästhetisch kaschierten antisemitischen
356 DerBriefverkehrmitHessedauertevon1903bis1910,mitBrodvon1906bis1913.
357 BriefBrodsanSchaukal,5.September1906,S-NL,WB.
358 Vgl.MaxBrod:CapellmeisterKreisler. In:DieGegenwart,Bd.70 (1906),S.348.
359 Vgl. denBrief Brods anSchaukal, 2. Dezember 1906, S-NL,WB;Brod:DieMietwohnung.
In:DieGegenwart,Bd.71 (1907),S. 206–207.
360 Vgl.denBriefBrodsanSchaukal, 24.Februar1908,S-NL,WB.
182 III Schaukal inNetzwerkenundFeldernderModerne
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik