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übermichnämlichdenSie vor Jahren so freundlichgewissermaßenals einenbekannten
„Autor“ ansprachenundder heute frohwäre [. . .], wennSie ihmeinen verehrlichenKli-
quenverbande(sieheNeueRundschau,sieheNeuefreiePresse, sieheZeit, sieheVelhagen
u.Clasing,sieheZukunftu.s.w.)gewissermaĂźengarantierten [. . .].366
Während Hesse und Schaukal einander vermutlich nie persönlich begegnet
sind, obwohl Schaukal 1908 einemLeseabend des jĂĽngeren Kollegen inWien
inkognito beiwohnte, kam es im Februar 1909 zu einemTreffenmit Brod, der
fĂĽr eine Dichterlesung in die Hauptstadt gekommenwar. Er wisse zwar, dass
„eseinallzugroßesOpfer fürSie,wie ichmeine, [bedeute], unterLiteraten sich
zu zeigen“, antizipierte Brod Schaukals Absage. Doch er wollte nichts unver-
sucht lassenundihndennochzuseinerLesungeinladen.367
Max Brods Bitte an Schaukal, dieser möge für das „Jahrbuch für Dicht-
kunst“ArkadiaunveröffentlichteGedichteoderNovellenzurVerfügungstellen,
markierte den Schlusspunkt des postalischen Austauschs. Das 1913 veröffent-
lichte JahrbuchvereinteBeiträge vonRobertWalser (1878–1956), RobertMusil,
Otto Stoessl und anderen; dieseNamen listete Brod auch in seinemSchreiben
an Schaukal auf, wohl um ihn von der Qualität des Jahrbuchs zu überzeu-
gen.368Vielleicht erwähnteBrodaus SorgeumdessenantisemitischeReaktion
nicht, dass auchFranzKafkasDasUrteil sowieBeiträge vonFranzWerfel,Max
Mell,KurtTucholsky (1890–1935)undHansJanowitz (1890–1954) inArkadiaer-
scheinensollten. Schaukal stellte zwarGedichte zurVerfügung,docheskam–
aus nicht zu eruierenden Gründen – zu keiner Veröffentlichung in der Zeit-
schrift, die sichnicht einer literarischenGruppe, sonderndemeinzelnenDich-
terverpflichtet sah.369
Rückblickend fällt Brod ein schmeichelhaftes und nicht ganz zutreffendes
Urteilüberden„hervorragendenLyriker“, den„völlig in sichgeschlossenen, ei-
genartigenRichardSchaukal“,370der„zu jenerkleinenGruppeunterdenSude-
tendeutschen [gehörte], die den Einflüsterungen des Antisemitismus und des
FaschismuskräftigWiderstandgeleistet“hätten.371 In seinenErinnerungenbringt
BrodseinenehemaligenBrieffreundmit einerDichterin inVerbindung,die er ge-
meinsammit Bertha vonSuttner (1843–1914) undBoženaNemčova (1820–1862)
zuden frühenEinflussgeberinnendesPragerKreises zählte. Ehrfürchtigerinnert
366 BriefSchaukalsanHesse, 13.September1904,H-NL,LAM.
367 BriefBrodsanSchaukal,5.Februar 1909,S-NL,WB.
368 Vgl.denBriefBrodsanSchaukal, 29.September1912,S-NL,WB.
369 Vgl.denBriefBrodsanSchaukal, 29.September1912,S-NL,WB.
370 MaxBrod:DerPragerKreis.Göttingen2016,S.98.
371 Brod:DerPragerKreis,S. 277.
184 III Schaukal inNetzwerkenundFeldernderModerne
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik