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fĂĽr die Studenten in ein GefĂĽhl der Ablehnung.463 Schaukal sollte von der
Mehrheit derWiener Literaten enttäuscht bleiben. Einzigmit Kraus undAlten-
berg, die fĂĽr kurze Zeit demKreis des JungenWiennahestanden, verkehrte er
noch inspäterenJahren. 1934betonteSchaukal:
ManhatmichoftgedankenloszursogenanntenWienerLiteraturgezählt.Nichtskannfal-
scher sein. Ich habe dieser schwĂĽlen [. . .], aus demFeuilleton stammenden und immer
wieder zur Zeitung zielenden, imübrigenmit der Bühne tändelnden, überwiegend jüdi-
schenSchriftstellerei– inder ichden seelenvollenDichter PeterAltenbergund [. . .] Karl
Krausmit nichten begreife– nur eine kleineWeile als junger neu-gieriger Ankömmling
meine Aufmerksamkeit geschenkt, bin ihr [. . .] ausgewichen und hinfort, innerlich wie
äußerlich, ferngeblieben.464
Allerdings verlief dieWertschätzung asymmetrisch. Zwar besprach Karl Kraus
bereits 1893SchaukalsLyrikdebĂĽtGedichte,dochkonnteer sichdenSpottĂĽber
diediffuseästhetischeAusrichtungnichtverkneifenundriet ihmironisch,„die
Stimmungskarriere“ einzuschlagen.465Die ihmvonSchaukal überreichten,mit
persönlichen Widmungen versehenen Bücher quittierte der Herausgeber der
Fackelmit kurzenDankes-Telegrammen. In einem späteren Schreiben betonte
Schaukal, dass Kraus der einzige deutschsprachige Schriftsteller sei, von dem
er jede Zeile lese undden er über alleMaßenwertschätze. „Sie sindnicht nur
eine künstlerische Potenz, sondern ein ethischer Wert in dieser Sauzeit“, so
Schaukal in einemSchreibenEnde 1913.466AuchwennKrausnie ausfĂĽhrlicher
auf die Briefe reagierte, so zählte er den gleichaltrigenBewundererwegen sei-
nerAphorismenzuden „heimischenLyrikern, diedurchZeilenwertvoller sind
alsdiebeliebterendurchBücher.“467
Kraus’ satirisch pointierter Stil färbte auf Schaukals Aphoristik ab.468 Die
SinnsprüchebrechendieSyntaxgeläufigerRedewendungenaufundverkehren
ihrenSinn insGegenteil, so etwa inSchaukalsWendung„Hochstapelei kommt
nachdemFall“, oder sie thematisierendieGeschlechterrollenmit einer für die
Zeit typischen misogynen Tendenz, wenn Kraus schreibt: „Manmuß endlich
463 Schaukal:KarlKraus,S. 19.
464 Schaukal:BeiträgezueinerSelbstdarstellung,S.46.
465 KarlKraus:WienerLyriker. In:DasMagazin fĂĽrLitteratur, 62. Jg.,Nr. 31 (5.August 1893),
S.499–500.
466 BriefSchaukalsanKraus, 1.Dezember1913,S-NL,WB.
467 KarlKraus:DerReim. In:DieFackel,Nr. 757–758(April 1927),S. 1–37,hierS. 28.
468William M. Johnston zählt Schaukal zu den bedeutenden Aphoristikern seiner Zeit;
vgl. Johnston: Karl Kraus und die Wiener Schule der Aphoristiker. In: Literatur und Kritik,
H.211–212 (1987),S. 18–19. 8 WienerNetzwerke 205
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik