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Hermaphroditisch-Perversem, von cherubinischer sĂŒsser LĂŒsternheit und Hölderlini-
schem Eleusinertum. Bald waren sich die mehr oder weniger snobistisch angehauch-
ten âGeistigenâ darĂŒber einig, dass man es mit einem PhĂ€nomen zu tun habe,
einem dichterischen kleinen Mozart, einem Götter-liebling. Man war mit verzĂŒckten
Augenbrauen darauf aus, das Wunderkind zum enfant gaté zu krönen. Die Café-
hauscoenakel flĂŒsterten. [. . .] Der âwirklicheâ Hugo Hofmann Edler von Hofmanns-
thal stieg derweilen, Gamaschen ĂŒber den blanken Schuhen, den gelben Ăberzieher
schlapp um magere HĂŒften, die Stufen der Wiener UniversitĂ€t hinauf, grĂŒsste mit
gespreiztem Unterarm und nĂ€selte wienerisch-theresianisch mit der eben erst flĂŒgge
gewordenen jeunesse dâorĂ©e [sic!] der Wiener âzweiten Gesellschaftâ, ehe er sich auf
eine kurze Stunde in einen Hörsaal der philosophischen FakultÀt begab [. . .].475
SpĂ€ter zĂ€hlteRichardSchaukal selbst zur sogenannten âzweitenGesellschaftâ,da
er 1918 in denAdelsstand erhobenwurde, dem er qua Geburt nicht angehörte.
Hofmannsthalgingmit ihmebenfallshart insGerichtundwidersetztesichdirekt
seiner Etablierung im kĂŒnstlerischen Feld. Alfred Walter Heymel (1878â1914)
drĂ€ngte er in einemBrief vom16.MĂ€rz 1907, JosefHofmiller (1872â1933) auszu-
reden, eineRezensionĂŒber SchaukalsAndreas vonBalthesser zu verfassen. Der
VerfasserdesBalthesser seiâeinescheusĂ€ligeNullitĂ€tâundeinâĂ€ffische[r]Erzli-
terat.â âEs handelt sich nicht darum daĂ der Kerl mir besonders antipathisch
istâ, so Hofmannsthal weiter, âsondern daĂ er absolut eine Null ist, eine Mi-
schung vonMĂ€usedreck und ParfĂŒm,wie sie nicht ekelhafter getrĂ€umtwerden
kann.Wiekanndernette seriöseMensch [JosefHofmiller, CM]auf soetwasher-
einfallen,aufsolcheLadenschwengellitteratur.â476
Bei aller AnimositĂ€t lassen sich kĂŒnstlerische Analogien im Schaffen der
beidenDichter nicht bestreiten. Eine gewisse ÀsthetischeDialogizitÀt oder Pa-
limpsestuositÀt, die je nachAuffassung als EpigonalitÀt bezeichnetwurde, be-
steht in ihrer Lyrik.477 Den Stellenwert ihrer frĂŒhen Dichtung belegt die
gleichzeitige Veröffentlichung in Otto Julius Bierbaums Modernem Musen-
Almanachaufdas Jahr 1894:HofmannsthalsDerThorundderTodundSchauk-
als âBlutâ, âPlein-airâ, âPierrot (nachVerlaine)âund âAusVerlaines Buch der
Weisheitâ sind Beispiele der symbolistischen und impressionistischen Rich-
tung.Bishinein indieWortwahlgleichensich indieser frĂŒhenSchaffensphase
Schaukals und Hofmannsthals Verse; die Ăbereinstimmungen sind sprachli-
cher und thematischer Art. So adaptiert Schaukals Gedicht âMĂ€rzâ (1901) Mo-
tivevonHofmannsthalsâVorfrĂŒhlingâ (1892), beidedurchzieht einwehmĂŒtiger
475 Zit.nachPietzcker:RichardvonSchaukal,S. 24â25.
476WernerVolke (Hg.):HugovonHofmannsthalâAlfredWaltherHeymel:Briefwechsel.Teil
I: 1900â1908. In: Hofmannsthal-Jahrbuch zur europĂ€ischenModerne, Bd. 1 (1993), S. 19â98,
hierS. 73.
477 Vgl.Oesterheld:SchaukalundderGeorge-Kreis,S. 75. 8 WienerNetzwerke 207
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik