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Zeit auch Schaukal beschäftigten: Solipsismus und „Centrumsgefühl“, also die
Ausweitung des Ichs auf die Welt, wie sie fĂĽr Schaukals poetologische
Genieästhetik bezeichnend ist,werdendarin ebenso thematisiertwiedie Errich-
tung „Potemkin’scher Dörfer“ im eigenen „Gesichtskreis“ als Mittel bewusster
Selbsttäuschung.484 Dabei nahmendie Dichter derWienerModerne schon früh
dieästhetizismuskritischeHaltungein,dassPoesieundLebennichtmiteinander
vereinbar sind, so Hofmannsthal in „Poesie und Leben“ (1896). Die Trennung
von Kunst und Leben wird räumlich-symbolisch sowohl im Anatol-Prolog als
auch in Schaukals „Rococo“ vollzogen. DasWatteau- und Canaletto-Ambiente
der beiden Gedichte offenbart sich als umzäunter Garten, den sich Hofmanns-
thals lyrisches Ichöffnet,wie es imviertenVersheißt,wohingegen seine „Pfor-
ten“ für Schaukals Stimme im Gedicht „verriegelt“ bleiben. Er schildert den
Garten, der fĂĽr die Jung-Wiener zum traditions- wie bedeutungsreichen Topos
avancierte, als Sinnbild der domestiziertenNatur, zugleich aber auchals golde-
nenKäfig des exklusivenDichterraums. Schaukals Gedichtband ist in fünf „Bü-
cher“ unterteilt, das Kapitel „Die Taxusmauern. Buch des Künstlers“ antwortet
aufHofmannsthals„Taxushecke“ im„Prolog“undgreift intertextuelldieGarten-
Metaphorikauf,umdieTrennungvonLebenundKunstzuversinnbildlichen.
Diese räumlicheDichotomie findet vor allem auch in den frühenErzählun-
gen der beiden Dichter ihren Platz. Solche symbolischen Orte sind Ausgangs-
punkte plötzlicher Erkenntnis. Die Epiphanie, diemeist unmittelbarmit großen
Umwälzungen(TodundLiebe) literarischeinhergeht, setztSchaukal in„Mathias
Siebenlist und das Schloß der hundert Liebhaber“ (1906) in einer zentralen Pas-
sage ein. Der gleichnamige Protagonist der Erzählung sitzt am Totenbett seiner
Mutter, einer alleinerziehendenarmenWäscherin, als ermit der geballtenWucht
derErleuchtungdie trostloseNichtigkeit ihrerundseinereigenenExistenzempfin-
det. „Mit der Deutlichkeit einer Vision“485 spürtMathias das soziale Stigma, das
durchseinenBuckelkonkretsichtbar istundsichdurchdenKontrastzumAntago-
nistenRalf, demaus reichemHause stammendenKindheitsfreund, verstärkt.Ma-
thias erfährt schlagartig die Nichtigkeit seines bisherigen Daseins, doch daraus
entfaltet sich imweiteren Verlauf der Erzählung keine Sozialkritik, wieman an-
nehmenkönnte.SchaukalbeschreibtvielmehrdenWegdesdilettantischenKünst-
lers,denMathiasSiebenlisteinschlägt, indemerGeigezuspielen lernt, sich indie
romantisch-phantastischeTraumwelteinesSchlosses flĂĽchtetundschlieĂźlichdem
484 BriefHofmannsthals anBeer-Hofmann, 15.Mai 1895, in: EugeneWeber (Hg.): Hugo von
Hofmannsthal–RichardBeer-Hofmann:Briefwechsel. Frankfurt amMain 1972, S. 47–48,hier
S.47.
485 Schaukal:MathiasSiebenlist,S. 135. 8 WienerNetzwerke 209
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik