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Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
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Zeit auch Schaukal beschäftigten: Solipsismus und „Centrumsgefühl“, also die Ausweitung des Ichs auf die Welt, wie sie für Schaukals poetologische Genieästhetik bezeichnend ist,werdendarin ebenso thematisiertwiedie Errich- tung „Potemkin’scher Dörfer“ im eigenen „Gesichtskreis“ als Mittel bewusster Selbsttäuschung.484 Dabei nahmendie Dichter derWienerModerne schon früh dieästhetizismuskritischeHaltungein,dassPoesieundLebennichtmiteinander vereinbar sind, so Hofmannsthal in „Poesie und Leben“ (1896). Die Trennung von Kunst und Leben wird räumlich-symbolisch sowohl im Anatol-Prolog als auch in Schaukals „Rococo“ vollzogen. DasWatteau- und Canaletto-Ambiente der beiden Gedichte offenbart sich als umzäunter Garten, den sich Hofmanns- thals lyrisches Ichöffnet,wie es imviertenVersheißt,wohingegen seine „Pfor- ten“ für Schaukals Stimme im Gedicht „verriegelt“ bleiben. Er schildert den Garten, der für die Jung-Wiener zum traditions- wie bedeutungsreichen Topos avancierte, als Sinnbild der domestiziertenNatur, zugleich aber auchals golde- nenKäfig des exklusivenDichterraums. Schaukals Gedichtband ist in fünf „Bü- cher“ unterteilt, das Kapitel „Die Taxusmauern. Buch des Künstlers“ antwortet aufHofmannsthals„Taxushecke“ im„Prolog“undgreift intertextuelldieGarten- Metaphorikauf,umdieTrennungvonLebenundKunstzuversinnbildlichen. Diese räumlicheDichotomie findet vor allem auch in den frühenErzählun- gen der beiden Dichter ihren Platz. Solche symbolischen Orte sind Ausgangs- punkte plötzlicher Erkenntnis. Die Epiphanie, diemeist unmittelbarmit großen Umwälzungen(TodundLiebe) literarischeinhergeht, setztSchaukal in„Mathias Siebenlist und das Schloß der hundert Liebhaber“ (1906) in einer zentralen Pas- sage ein. Der gleichnamige Protagonist der Erzählung sitzt am Totenbett seiner Mutter, einer alleinerziehendenarmenWäscherin, als ermit der geballtenWucht derErleuchtungdie trostloseNichtigkeit ihrerundseinereigenenExistenzempfin- det. „Mit der Deutlichkeit einer Vision“485 spürtMathias das soziale Stigma, das durchseinenBuckelkonkretsichtbar istundsichdurchdenKontrastzumAntago- nistenRalf, demaus reichemHause stammendenKindheitsfreund, verstärkt.Ma- thias erfährt schlagartig die Nichtigkeit seines bisherigen Daseins, doch daraus entfaltet sich imweiteren Verlauf der Erzählung keine Sozialkritik, wieman an- nehmenkönnte.SchaukalbeschreibtvielmehrdenWegdesdilettantischenKünst- lers,denMathiasSiebenlisteinschlägt, indemerGeigezuspielen lernt, sich indie romantisch-phantastischeTraumwelteinesSchlosses flüchtetundschließlichdem 484 BriefHofmannsthals anBeer-Hofmann, 15.Mai 1895, in: EugeneWeber (Hg.): Hugo von Hofmannsthal–RichardBeer-Hofmann:Briefwechsel. Frankfurt amMain 1972, S. 47–48,hier S.47. 485 Schaukal:MathiasSiebenlist,S. 135. 8 WienerNetzwerke 209
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Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
Titel
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
Autor
Cornelius Mitterer
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Ort
Berlin
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-061823-5
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
312
Kategorien
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