Page - 210 - in Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
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Wahnsinnverfällt.SchaukalsProsaorientiert sichanE.T.A.HoffmannsKunstmär-
chen, vor allem am Goldenen Topf mit seinen zwei möglichen Lesarten, der
magisch-märchenhaftenundder realistisch-pathologischen.AuchSchaukalsProt-
agonist ist einSchlafwandler zwischenzweiWelten.DiederRealität offenbartdie
gängigenMacht- undHerrschaftsverhältnisse zuMathias’Ungunsten, die andere
ist ein erotisch-märchenhafter Traum, indemder Protagonist letztenEndes auch
physisch verharrt. Die prekäre Situation führt imweiterenVerlauf der Erzählung
alsonicht zu einemsubversiven Impetus, siemĂĽndet in Introspektion, Selbstzer-
störung und Eskapismus. Der Fluchtpunkt ist eine ästhetische Scheinwelt, das
SchlossderhundertLiebhaber, indessenZentrumdiePhantasmagoriederverfĂĽh-
rerischenGräfinDecertisteht:„EinSchloßentstandvordesBuckligenSeele.“486
Anstatt einerbenachteiligtenKlasse literarischGehörzuverschaffen,wasbei
Schaukal immerhin angedeutet wird, bleibt die unterprivilegierte Bevölkerungs-
schicht inseinerErzählungkonturlosundstumm.Dies isteinWesenselementder
WienerModerne, das in Hofmannsthals auf den 1. Mai 1890 datiertem Jugend-
Gedicht „Tobt der Pöbel indenGassen, ei,meinKind, so laß ihn schrei’n“Aus-
druckfindet.487
Schaukal undHofmannsthal ging es in ihrer dichterischen FrĂĽhphase um
dieGegenĂĽberstellungvonKunstundAlltag,nichtumdiesozialeFrage.488Das
Proletariat flößte beiden Unbehagen ein und das Individuum stellte etwas zu
Komplexes in den Augen der Dekadenz-Dichter dar, als dass es zum Produkt
seines Milieus hätte erklärt werden dürfen. Richard Schaukal war sich 1906,
demJahrderEntstehungvon „Mathias Siebenlist“, gleichwohlder Zwecklosig-
keit einer reinästhetischenWeltabwendungbewusst,undso istdieNovelle zu-
gleichalsKritikandie radikaleVerinnerlichungzulesen.489
Auch fĂĽr Hofmannsthal waren es gerade die Wahnsinnigen, die in die
„geistigeSouveränität“und„Praeexistenz“entfliehen,womitderDichterunter
anderem einen glorreichen, „aber gefährlichen Zustand“mancher „Auserlese-
ner“meinte, die durch „Supposition des quasi-Gestorbenseins“ das „Ich als
486 Schaukal:MathiasSiebenlist,S. 147.
487 AuchRichardSpecht legt in seinerBiographieĂĽberSchnitzlerdiemangelndeSozialkritik
in dessenWerk offen; vgl. Specht: Arthur Schnitzler. DerDichter und seinWerk. Eine Studie.
Berlin1922,S.63–64.
488 Vgl. LiborMarek:DieErfahrungderModerne imWerkRichardvonSchaukals. ZlĂn 2011,
S.61.
489 Vgl.Marek:DieErfahrungderModerne imWerkRichardvonSchaukals,S.81.
210 III Schaukal inNetzwerkenundFeldernderModerne
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik