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Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
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er längsteine literaturästhetischeund ideologischeVoltevollzogen.Schnitzlers oftpikanteundzugleichrealistischeDarstellungvorallemseinerProtagonistin- nen veranlasste Schaukal, der 1902 noch den skandalumwitterten Reigen für seine Sammlung erbeten hatte, genau 30 Jahre später zu der Äußerung, der kurz zuvor verstorbeneArzt undSchriftsteller sei ein „Bekenner des jüdischen Eros“ gewesen.509 Er unterschlägt dabei jedoch das drei Jahrzehnte zuvor vor allem in seinem eigenen Frühwerk gängige Motiv der Erotik. Noch vor Hof- mannsthal hatte er sich den um 1900 verbreiteten Geschlechterdiskursen gewidmet.510 In der Novelle „Die Sängerin“ (1905) etwa schildert Schaukal einen aus Gründen der bürgerlichen Standesrepräsentation und forcierten Partizipation amgesellschaftlichen LebenWiens gewohnheitsmäßigen Theaterbesucher na- mens Alexander Schreiner, einen bourgeoisen Dandy, der sich den Flirt mit einer indie JahregekommenenitalienischenSängerinherbeiphantasiert,durch ihre Zurückweisung moralisch-gesellschaftlich verkommt und sie schließlich ermordet. DieNovelle schlägt eineBrücke zuOscarWildesDorianGray (1891); inbeidenTextennimmtdasUnheil imTheater seinenLauf.DieWeltderBühne istvoralleminderDekadenzliteratureinmotivischaufgeladenerOrtder Illusion unddesschönenSchreckens, indemGrenzräumeineinanderfließen.Dievonge- sellschaftlichenKonventionenunterdrückten Triebe erfahrendurchGewalt eine „Abfuhr“ (Freud), der Tod resultiert aus der Begegnung mit der femme fatale (SchaukalsSängerin)oder femmeenfant (dieSchauspielerin inDorianGray).Die TragikwirddurchdasgroteskeGebarendermännlichenProtagonistenund ihre libidinösenVerhaltensweisenkonterkariert. Eine ironisch-tragischeBrechunger- folgtmit demFokus auf die psychologische Seelenlandschaft der Protagonisten, SchnitzlersLeutnantGustl (1900) ist einesderprominentestenBeispieledafür.Der innereMonologdrückt dabei einen verunsicherten, gesellschafts- und standesge- bundenenHabitusaus;Gustlgreift ebensowieSchaukalsSchreineraufSoziolekte und Phrasenfragmente zurück, um Haltung zu wahren. Wenn der eitle Herr SchreinerseineHändebegutachtete,„geschahesmitdemverschnörkeltenMotto ‚gepflegte Nachlässigkeit‘. Dazu kam, daß er seiner selbst nie ganz sicher war, immer irgendwelcheeingebildetenGefahrenbestand, sich immer irgendwelchen angstvoll gewärtigtenUnannehmlichkeiten ausgeliefert sah.“511 Ein nicht näher 509 Schaukal:ArthurSchnitzler-Apotheose. In:DeutschlandsErneuerung, 16. Jg.,H. 2 (1932), S. 111–113,hierS. 111. 510 Vgl.Pietzcker:RichardvonSchaukal,S.87–88. 511 Schaukal:DieSängerin. In:WE.Bd.4:Erzählungen.Hg.vonLottevonSchaukalundNor- bertLanger.München/Wien1966,S. 57–120,hierS.63. 8 WienerNetzwerke 215
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Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
Title
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
Author
Cornelius Mitterer
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Location
Berlin
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-061823-5
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
312
Categories
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