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er längsteine literaturästhetischeund ideologischeVoltevollzogen.Schnitzlers
oftpikanteundzugleichrealistischeDarstellungvorallemseinerProtagonistin-
nen veranlasste Schaukal, der 1902 noch den skandalumwitterten Reigen für
seine Sammlung erbeten hatte, genau 30 Jahre später zu der Äußerung, der
kurz zuvor verstorbeneArzt undSchriftsteller sei ein „Bekenner des jüdischen
Eros“ gewesen.509 Er unterschlägt dabei jedoch das drei Jahrzehnte zuvor vor
allem in seinem eigenen Frühwerk gängige Motiv der Erotik. Noch vor Hof-
mannsthal hatte er sich den um 1900 verbreiteten Geschlechterdiskursen
gewidmet.510
In der Novelle „Die Sängerin“ (1905) etwa schildert Schaukal einen aus
Gründen der bürgerlichen Standesrepräsentation und forcierten Partizipation
amgesellschaftlichen LebenWiens gewohnheitsmäßigen Theaterbesucher na-
mens Alexander Schreiner, einen bourgeoisen Dandy, der sich den Flirt mit
einer indie JahregekommenenitalienischenSängerinherbeiphantasiert,durch
ihre Zurückweisung moralisch-gesellschaftlich verkommt und sie schließlich
ermordet. DieNovelle schlägt eineBrücke zuOscarWildesDorianGray (1891);
inbeidenTextennimmtdasUnheil imTheater seinenLauf.DieWeltderBühne
istvoralleminderDekadenzliteratureinmotivischaufgeladenerOrtder Illusion
unddesschönenSchreckens, indemGrenzräumeineinanderfließen.Dievonge-
sellschaftlichenKonventionenunterdrückten Triebe erfahrendurchGewalt eine
„Abfuhr“ (Freud), der Tod resultiert aus der Begegnung mit der femme fatale
(SchaukalsSängerin)oder femmeenfant (dieSchauspielerin inDorianGray).Die
TragikwirddurchdasgroteskeGebarendermännlichenProtagonistenund ihre
libidinösenVerhaltensweisenkonterkariert. Eine ironisch-tragischeBrechunger-
folgtmit demFokus auf die psychologische Seelenlandschaft der Protagonisten,
SchnitzlersLeutnantGustl (1900) ist einesderprominentestenBeispieledafür.Der
innereMonologdrückt dabei einen verunsicherten, gesellschafts- und standesge-
bundenenHabitusaus;Gustlgreift ebensowieSchaukalsSchreineraufSoziolekte
und Phrasenfragmente zurück, um Haltung zu wahren. Wenn der eitle Herr
SchreinerseineHändebegutachtete,„geschahesmitdemverschnörkeltenMotto
‚gepflegte Nachlässigkeit‘. Dazu kam, daß er seiner selbst nie ganz sicher war,
immer irgendwelcheeingebildetenGefahrenbestand, sich immer irgendwelchen
angstvoll gewärtigtenUnannehmlichkeiten ausgeliefert sah.“511 Ein nicht näher
509 Schaukal:ArthurSchnitzler-Apotheose. In:DeutschlandsErneuerung, 16. Jg.,H. 2 (1932),
S. 111–113,hierS. 111.
510 Vgl.Pietzcker:RichardvonSchaukal,S.87–88.
511 Schaukal:DieSängerin. In:WE.Bd.4:Erzählungen.Hg.vonLottevonSchaukalundNor-
bertLanger.München/Wien1966,S. 57–120,hierS.63. 8 WienerNetzwerke 215
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik