Page - 220 - in Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
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Ausscheiden aus vielen Feldern der sozialenWelt zu einer vomDichter immer
wieder reflektiertenVereinsamung.
NachHermannBahrsAuffassungkennzeichnedenmodernenSchriftstellerty-
pus geradedieAbkehr von literarischenSchulen, Regeln oder Traditionen. Er er-
kenne lediglich das Gesetz „seiner Nerven, seiner Sinne, seines Instinktes und
seiner Subjektivität“ an.522 Der junge Schaukalwar von einer Superioritätsauffas-
sung getragen, die ihn sein schriftstellerisches Können und Genie nicht infrage
stellen ließ: Das schaffende Individuum erhebt sich selbst zum künstlerischen
MaßallerDingeundstehtüberdenpoetologischenRegelnundZwängen,Schulen
undKreisen,soSchaukalsgenieästhetischesIdealbildderKunstunddesKünstlers
ansich,523denn„derDichterdarf alles“.524 In seinemGedicht„Herkunft“ töntdas
lyrische Ich: „Sagemir einer, vonwem ich stamme! /MeineScheite lodern inEI-
GENERFlamme, /AusMEINEMForst sinddieStämmegeschlagen, /MEINBoden
hatseineBäumegetragen“.525
WieKrausundLoosreagierteauchSchaukalaufdieKrisenderZeitmiteinem
besonderen Fokus auf den (männlichen) Genius, der sich gegen die zunehmend
effeminierte Kunstentwicklung durchzusetzen habe.526 In seiner Selbstwahrneh-
mungdürfte er sichalsokaumalsEpigonebetrachtethaben,höchstensalsÜber-
lieferer kunstreiner literarischer Traditionen.DieAversionengegenLiteraturzirkel
und Meisterfiguren (auch wenn er als junger Dichter der Aura Stefan Georges
erlag)gehörtendabeizumfestenBestandteil seinesBekenntnisrepertoires.Als ihm
ArnoHolz(1863–1929)dieLyrikdesDichtersGeorgStolzenbergalsdie„zurzeitun-
mittelbarste“nahelegte, antwortete er, dieser repräsentiere für ihnnichtmehr als
einen„Schüler“.527
Die literaturtheoretische und -ästhetische Zwischenstellung Schaukalsmani-
festierte sichvor allemauch in seinerPoetik, die sichausden teils gegenläufigen
Positionen vonArnoHolz (Naturalismus) und StefanGeorge (Symbolismus) syn-
thetisierte.528DasumfangreicheBriefkonvolut belegt den regenKontakt zwischen
HolzundSchaukal, der vor allemwährendder ersten fünf Jahredes 20. Jahrhun-
derts bestand und mit Unterbrechungen bis in die 1920er Jahre fortdauerte.
Schaukal fühlte sichmit demDichter undDramatiker geistig verbunden, ihmge-
522 JacquesLeRider:DasEndeder Illusion.DieWienerModerneunddieKrisender Identität.
AusdemFranz.vonRobertFleck.Wien1990,S.34.
523 Vgl.Wicke:RichardSchaukalunddieLyriktheorieder Jahrhundertwende,S.82.
524 Schaukal:ArnoHolz. In:Das litterarischeEcho,5. Jg. (1902/1903),S.887.
525 Schaukal:Herkunft. In:VerSacrum,2. Jg.,Nr. 1 (Januar1899),S. 2.
526 Vgl.LeRider:DasEndeder Illusion,S. 162.
527 DiesgehthervorausdemBriefHolz’anSchaukal, 17.Mai1900,S-NL,WB.
528 Vgl.Wicke:RichardSchaukalunddieLyriktheorieder Jahrhundertwende,S.80–82.
220 III Schaukal inNetzwerkenundFeldernderModerne
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik